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      Deutschland bleibt aufgrund von Marktgröße, öffentlicher Sicherheit, politischer Stabilität und Innovationskraft Schlüsselstandort in Europa, steht aus Sicht internationaler Investoren aber unter erheblichem Reformdruck. Das ist eine Kernerkenntnis der aktuellen Ausgabe unserer Studienreihe „Business Destination Germany“. Festzustellen ist ein ungebremster Trend – Deutschland rutscht im EU-Vergleich zunehmend ab.

      Basis der Studie ist eine Befragung von 400 Chief Financial Officers (CFOs) der größten deutschen Tochtergesellschaften internationaler Konzerne aus den acht wichtigsten Investorenländern. Die Befragten sehen neue Chancen und attestieren Deutschland in Zeiten geopolitischer Disruptionen und Unwägbarkeiten ein Fundament für ein Comeback unter den Standort-Spitzenreitern. Um Vertrauen, Investitionen und damit Wachstum zu sichern, sind jedoch jetzt strukturelle und nachhaltige Verbesserungen der Rahmenbedingungen für Unternehmen in Deutschland unerlässlich.


      Um den Wirtschaftsstandort Deutschland EU-weit zu vergleichen, hat KPMG zu Beginn der Studienreihe 2017 einen Standortindex aufgelegt, in den mehr als 20 Faktoren einfließen. Dieser Standortindex zeigte in den Vorjahren bereits einen kontinuierlichen Rückgang – und ist 2026 auf einem neuen Tiefpunkt angekommen: Er sank auf einer Skala von +10 (Spitzenreiter der 27 EU-Länder) bis -10 (Schlusslicht der 27 EU-Länder) von +3,1 Punkten (2017) über +2,6 (2019), +2,4 (2021) und +1,2 (2023) auf nunmehr +0,2. Das heißt, dass Deutschland nur noch hauchdünn über dem EU-Durchschnitt aller 27 EU-Länder liegt.

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      Die Ergebnisse unserer Umfrage unter 400 CFOs internationaler Unternehmen in Deutschland belegen einen weiter fortschreitenden Abwärtstrend bei entscheidenden Standortfaktoren, lassen aber auch neue Geschäftsfelder erkennen. Wir analysieren die Zahlen und zeigen die wichtigsten Handlungsfelder auf.

      Standortvor- und -nachteile

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      Standortvorteile: Wo Deutschland besonders punktet

      • Sicheres Umfeld für langfristige Investitionen – 66 Prozent der Finanzchefs internationaler Unternehmen zählen die öffentliche Sicherheit und 65 Prozent die politische Stabilität Deutschlands zu den fünf besten in der EU. Dies sind die höchsten Bewertungen im gesamten Ranking.
      • Innovationskraft – 57 Prozent der Befragten nennen die Größe und Kaufkraft des Marktes, 52 Prozent die Forschungslandschaft und 54 Prozent das innovationsfreundliche Umfeld und die Technologieoffenheit als positiven Faktor.

      Unter anderem diese positiven Einflussfaktoren führen dazu, dass 60 Prozent der internationalen Unternehmen Deutschland aktuell als Europazentrale nutzen, 63 Prozent steuern von Deutschland aus auch Aktivitäten außerhalb Europas. Positiv außerdem: 51 Prozent sehen Deutschland bei Lebensqualität und Lebensstandard EU-weit in den Top 5. Allerdings: 2023 lag der Wert noch bei 74 Prozent.

      „Unternehmen planen ihre Investitionen langfristig – deshalb sind Sicherheit und politische Stabilität immens wichtig. Deutschland gewinnt an Relevanz, je unsicherer die geopolitische Lage wird.“ 

      Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business, im Handelsblatt

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      Standortnachteile: Wo Deutschland Nachholbedarf hat

      • Bürokratie: 70 Prozent sehen Deutschland bei Regulierung unter den fünf schwächsten EU-Ländern, 29 Prozent sogar als Schlusslicht. Der Wert verzeichnet den stärksten Rückgang aller Faktoren. 32 Prozent fordern daher Bürokratieabbau, aber nur 19 Prozent erwarten diesbezüglich Fortschritte in den nächsten fünf Jahren.
      • Energiekosten: Die Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen wurde erstmals separat abgefragt – und das Urteil ist eindeutig: 43 Prozent sehen Deutschland als schwächsten Standort der EU, weitere 26 Prozent unter den fünf schwächsten.
      • Digitale und physische Infrastruktur: 69 Prozent der CFOs sehen die digitale Infrastruktur unter den fünf schwächsten in Europa, 33 Prozent sogar als Schlusslicht. Bei der physischen Infrastruktur zählt Deutschland nur noch für 29 Prozent zu den Top 5 (2017: 77 Prozent, 2023: 44 Prozent).

      47 Prozent der Befragten ordnen Deutschland zudem den fünf Ländern mit den höchsten Steuern und der größten Steuerkomplexität zu (+12 Prozentpunkte gegenüber 2023), 19 Prozent sehen das Land sogar als Schlusslicht im EU-Vergleich. Und auch die Einwanderungspolitik wird kritischer bewertet: Nur 24 Prozent sehen Deutschland führend (2023: 44 Prozent), 45 Prozent dagegen unter den fünf schwächsten (2023: 17 Prozent).

      „Durch Automatisierung und Digitalisierung wird der Energiebedarf künftig noch steigen. Das macht Energiekosten zu einem zentralen Faktor bei Standortentscheidungen – und schwächt die Attraktivität Deutschlands.“

      Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business, in der Börsen-Zeitung

      Wo internationale Investoren die größten Chancen sehen

      • Die Reformagenda der Bundesregierung

        Die Reformagenda der Bundesregierung beeinflusst die Investitionsentscheidungen internationaler Unternehmen stärker, als es die aktuelle Stimmung vermuten lässt: Für rund jedes fünfte internationale Unternehmen (19 Prozent) gehört sie zu den drei wichtigsten Gründen, in den kommenden fünf Jahren in Deutschland zu investieren.

      • Chancen in den großen Transformationsaufgaben

        17 Prozent der CFOs sehen Chancen in den großen Transformationsaufgaben des Landes – insbesondere Energiewende, Klimaneutralität, Digitalisierung, Demografie und Stärkung der Verteidigungsfähigkeit.

      • Infrastruktur und -Verteidigungspaket

        Weitere 17 Prozent führen das neue Infrastruktur- und Verteidigungspaket als Investitionsanreiz an. 48 Prozent der befragten Unternehmen erwarten daher auf Fünfjahressicht eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage in Deutschland.


      Daraus lässt sich insgesamt ableiten: Die Relevanz wirtschaftspolitisch richtungsweisender Entscheidungen ist sehr hoch.


      Deutschland bleibt für internationale Unternehmen ein Schlüsselstandort, aber die Geduld der Investoren ist begrenzt. Ob Reformen greifen oder sich die schleichende Deindustrialisierung fortsetzt, entscheidet sich jetzt.
      Andreas Glunz
      Andreas Glunz

      Bereichsvorstand International Business

      KPMG


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