Die Verluste in der PnL (Profit and Loss / Gewinn und Verlust) deuten auf Schwächen in der Risikomessung und Steuerung bei Banken hin – sie haben diese Auswirkungen nicht angemessen antizipiert und ausgesteuert. Als eine wesentliche Schwäche in den Risikomethoden zeigte sich ein adäquates Stresstesting, das seitdem stärker in den Fokus gerückt ist.
Stresstesting ermöglicht es Banken, Risiko- und Ertragszahlen in einem simulierten (marktweiten oder spezifischen) Stressszenarios zu messen und zu steuern. Obwohl viele Banken ihre Stresstest-Rahmenwerke, unter anderem als Folge neuer EBA-Richtlinien (u.a. EBA/GL/2018/04), ausgebaut haben, betrachten sie Stresstests häufig nur als regulatorische Pflichtübung und messen ihnen in der internen Risikomessung und -steuerung einen geringeren Wert bei.
Das ist aus unserer Sicht zu kurz gedacht, da gerade die Simulation geschäftsmodellspezifischer Stresstests wertvolle Steuerungsimpulse liefern können, die wesentlichen PnL-Schwankungen entgegenwirken.
In der Praxis zeigt sich der unzureichende Fokus auf Stresstests häufig darin, dass die ermittelten Stressfaktoren nicht ausreichend konservativ sind und wesentliche Risikofaktoren nicht berücksichtigt werden. So werden beispielsweise selten kombinierte Szenarien berechnet, in welchen die Zusammenhänge zwischen Marktfaktoren, Volatilitäten und Bilanzkennzahlen ökonomisch sinnvoll berücksichtigt werden.
Wir sehen unter anderem Schwachpunkte hinsichtlich
- der Höhe der angenommenen Stressfaktoren und -ausprägungen (geringer als historisch beobachtet);
- der Berechnung kombinierter Stresstests, in welcher ein ökonomisch sinnvolles Szenario (unter Berücksichtigung von Korrelationen) angemessen simuliert werden kann;
- eine fehlende Verzahnung der Stresstests mit der strategischen Geschäftsplanung;
- eine unzureichende Berücksichtigung von Stresstests mit Bezug auf Risikofaktoren der Bilanz und Bilanzkennzahlen und
- die Berechnung von graduellen Szenarien, in welchen die zeitliche Komponente angemessen berücksichtigt werden, etwa in Form angemessener Zinspfade, Trends in Aktien- / Bondmärkten und Inflation.
Die Erfahrungen aus den turbulenten Ereignissen im Kapitalmarkt im Jahr 2022 haben gezeigt, dass unzureichende Stresstests bei Banken zu Fehlsteuerungen und handelsrechtlichen Problemen führen können. Um solche Fehlentwicklungen künftig zu vermeiden, ist es wichtig, dass die Definition sinnvoller Stresstests von Expert:innen aus verschiedenen Bereichen vorgenommen wird. Unserer Erfahrung nach erfolgt die Stresstest-Definition häufig noch in den risikoartenbasierten Silos und Expert:innen aus anderen Bereichen, wie etwa Finanzbuchhaltung, Finanzcontrolling und Unternehmensplanung, werden selten einbezogen. Deren Fachwissen zu Risiken der Bilanz, Ergebnisrechnung und Planung könnte jedoch wichtige Hinweise zu Stressfaktoren und -abhängigkeiten liefern.