Die geopolitische Lage ist von zunehmender Unsicherheit geprägt – mit direkten Auswirkungen auf kritische Infrastrukturen und IT-Systeme. Für Finanzinstitute bedeutet das: Technologische Abhängigkeiten, insbesondere von nicht-europäischen Cloud-Anbietern, können im Krisenfall erhebliche Risiken für Stabilität und Geschäftskontinuität darstellen. Digitale Souveränität ist längst mehr als ein strategisches Ziel – sie bildet die notwendige Grundlage für die Sicherheit, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit von Europa.
Die IT- und insbesondere die Cloud-Souveränität sind essenzieller denn je
Digitale Souveränität bedeutet weit mehr als nur die Wahl eines bestimmten IT-Providers: Sie ist die Fähigkeit von Unternehmen, kritische digitale Ressourcen selbstbestimmt, sicher und unabhängig zu gestalten, zu kontrollieren und weiterzuentwickeln. Es geht darum, Gestaltungshoheit über Daten, Prozesse und Technologien zu gewinnen – statt sich in entscheidenden Bereichen auf externe Anbieter oder fremde Rechtsräume verlassen zu müssen.
Souveränität versus Wirtschaftlichkeit – das richtige Maß finden
Der Ausbau digitaler Souveränität darf nicht bedeuten, auf Effizienz und Innovationskraft zu verzichten. Das Ziel sollte vielmehr sein, ein Gleichgewicht zwischen Autonomie, Kosten und Agilität zu schaffen. Unternehmen stehen vor der Aufgabe, Risiken und Abhängigkeiten gezielt zu reduzieren, ohne dabei die Geschwindigkeit ihrer digitalen Transformation oder die Wirtschaftlichkeit ihrer IT-Landschaft zu gefährden.
Dazu gehört zunächst eine systematische Analyse der bestehenden Abhängigkeiten von Cloud- und Technologiedienstleistern:
- Welche geschäftskritischen Prozesse sind direkt an einen einzelnen Anbieter gebunden?
- Wo wird proprietäre Technologie eingesetzt, die einen Wechsel oder eine Integration erschwert?
Auf dieser Basis lassen sich Migrations- und Diversifizierungsstrategien entwickeln, die den schrittweisen Aufbau einer souveränen Infrastruktur ermöglichen – etwa durch die Nutzung mehrerer Anbieter oder hybrider Architekturen. Parallel dazu sollten Unternehmen eigene Kernkompetenzen in strategisch wichtigen Bereichen wie KI-Systemen, Datenhaltung, Cybersecurity oder digitaler Identitätsverwaltung aufbauen, um langfristig handlungsfähig und unabhängig zu bleiben. Dies erfolgt beispielhaft durch die Schulung eigener Mitarbeitender sowie den organisatorischen Zusammenschluss von Personen mit ähnlichen Funktions-Profilen (beispielsweise über „Communities“).
Die ersten Konsequenzen der Abhängigkeit werden sichtbar
Die zunehmende geopolitische Unsicherheit zeigt bereits konkrete Auswirkungen auf Unternehmen und öffentliche Institutionen in Europa. Besonders deutlich wird dies beim Umgang mit sensiblen Daten, die zwischen internationalen Rechtsordnungen und politischen Interessen zunehmend unter Druck geraten. Viele europäische Organisationen nutzen Cloud-Dienste globaler Anbieter mit Sitz in den USA und unterliegen damit auch deren Rechtsvorgaben. Der US CLOUD Act (Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act) erlaubt US-Behörden beispielsweise den Zugriff auf Daten von US-Unternehmen – selbst dann, wenn diese in Europa gespeichert sind. Nationale Tochtergesellschaften wie Microsoft Frankreich können daher nicht garantieren, dass Daten im Ernstfall vor dem Zugriff ausländischer Behörden geschützt bleiben. Für europäische Unternehmen bedeutet das: Die volle Kontrolle über ihre Daten ist nicht gewährleistet.
Diese Abhängigkeit birgt neben rechtlichen auch politischen und wirtschaftlichen Risiken. In Krisensituationen könnten Datenflüsse eingeschränkt, Dienste blockiert oder Zugriffe verweigert werden – mit gravierenden Folgen für die Geschäftskontinuität. Einige Länder ziehen daraus bereits Konsequenzen: Dänemark und weitere europäische Staaten reduzieren gezielt den Einsatz US-amerikanischer Cloud- und Softwarelösungen, um ihre digitale Selbstbestimmung zu stärken und regulatorische Risiken zu minimieren.
Die Entwicklung zeigt klar: Europas digitale Infrastruktur ist ein relevanter strategischer Faktor für Sicherheit, Unabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit.
Wir unterstützen Sie dabei, Ihre IT-Infrastruktur souverän, sicher und regulatorisch konform aufzustellen:
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Daniel Wagenknecht
Partner, Financial Services - Technology & IT-Compliance
KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
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