Die Empowering Consumers Directive (EmpCo) geht weit über bloße Umweltaussagen hinaus. Sie greift ab 27. September 2026 in den gesamten Produktlebenszyklus ein – von Herstellung bis zu Reparatur und Software-Updates. Fast alle Unternehmen sind von der ESG-Regulatorik (Environmental, Social and Governance) betroffen, da sie Produkte oder Dienstleistungen mit Umweltbezug anbieten: Automobilhersteller mit Streaming-Services im Fahrzeug, Elektronikfirmen mit endlichem Support oder Händler, die die Recycelbarkeit ihrer Eigenmarken kommunizieren. Die EmpCo zeigt deutlich, welche Unternehmen jetzt handlungsfähig sind – wer proaktiv umsetzt, stärkt seine Glaubwürdigkeit im Nachhaltigkeitsbereich.
Betroffene Branchen und konkrete Auswirkungen
Die EU‑Richtlinie erhöht den Transparenzdruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette und richtet sich explizit gegen Praktiken wie geplante Obsoleszenz. Für Unternehmen hat das weitreichende Folgen – insbesondere in folgenden Branchen:
- Automobilindustrie: Nicht nur Fahrzeuge selbst, sondern das gesamte Ökosystem muss über den vollständigen Lebenszyklus hinweg verfügbar bleiben. Das betrifft auch digitale Services wie Infotainment oder Software‑Funktionen. Endet die Verfügbarkeit, sind Kundinnen und Kunden aktiv zu informieren. Unterlassene oder unklare Kommunikation kann erhebliche Reputationsrisiken für Hersteller nach sich ziehen.
- Konsumgüter: Produkte müssen nachweislich langlebig, reparierbar und mit transparenten Aussagen zu Updates und Ersatzteilen versehen sein. Unzureichende Informationen zur Haltbarkeit oder Reparierbarkeit können als Verstoß gegen das „Recht auf Reparatur“ rechtlich angreifbar werden.
- Elektronik: Hersteller sind verpflichtet, die Dauer von Funktions‑ und Sicherheitsupdates klar zu benennen. Läuft der Support aus, können in bestimmten Fällen Open‑Source‑Lösungen als Übergangslösung erforderlich werden – vergleichbar mit den Anforderungen in der Automobilindustrie.
- Händler und Vorprodukte: Umweltinformationen müssen korrekt und vollständig entlang der Lieferkette weitergegeben werden – auch für einzelne Komponenten. Fehlerhafte oder fehlende Angaben können Haftungsrisiken für nachgelagerte Marktteilnehmer auslösen.
- Digitale Plattformen: Anbieter von Web‑ und App‑Services mit Umweltangaben unterliegen ebenfalls den neuen Transparenzpflichten. Die gemachten Aussagen müssen nachvollziehbar, überprüfbar und dauerhaft dokumentiert sein
Hinzu kommt: Die Vorlaufzeiten in der Produktentwicklung sind in vielen Branchen lang. Wer regulatorische Anforderungen zu spät berücksichtigt, riskiert kostspielige Nachsteuerungen oder Marktverzögerungen.
Wertschöpfungsmöglichkeiten erkennen, wo andere nur Pflichten sehen
Die EmpCo ist kein reines Verbotsgesetz, sondern Treiber für Innovation und neue Modelle wie Leasing oder Sharing, bei denen Unternehmen das Management des vollen Lebenszyklus von Produkten übernehmen. Durch gezielte Analyse von Produkten und Prozessen können Wettbewerbsvorteile entstehen: Differenzierung durch das Lebenszyklusmanagement oder längere Nutzungsdauer und ernsthaftere Nachhaltigkeitskommunikation. Unternehmen, die EmpCo strategisch nutzen, heben sich von „Greenwashing-Konkurrenz“ ab und eröffnen neue Umsatzpotenziale.
Risiken: Wo es in der Praxis hakt
Abmahnwellen durch Wettbewerber und Verbände drohen bei Verstößen gegen Update-Pflichten, falschen Labels oder fehlenden Reparaturinformationen. Die Folge können Unterlassungsklagen und massiver Reputationsschaden sein. Zusätzlich können sich Wertschöpfungskettenkonflikte weiter verschärfen, da Händler und Vorlieferanten für nichtkonforme Informationen haften – interne Abstimmungen werden essenziell. Besonders Kommunikation zu digitale Services wie Automobil-Streaming oder Smart-Home-Apps musss langfristig verlässlich sein, sonst drohen Klagen wegen geplanter Obsoleszenz. Die strukturelle Intransparenz stellt jedoch das größte Risiko dar: Viele Unternehmen unterschätzen, wie tief EmpCo in ihre Prozesse eingreift.
Fünf konkrete Maßnahmen
1. Bestandsaufnahme
Erstellen Sie eine Auflistung aller Produkte und Services mit Umweltbezug, inklusive Update-Dauer, Reparaturmöglichkeiten und Lieferanten-Informationen.
2. Produktanalyse mit Ampellogik
- Grün: bereits konform (langlebig, update-sicher)
- Gelb: anpassbar (zum Beispiel Open-Source-Optionen)
- Rot: Neuentwicklung notwendig.
3. Lebenszyklus-Governance aufbauen
Etablieren Sie verbindliche Prozesse für Update-Strategien, Reparatur-Support und Informationsweitergabe – revisionssicher dokumentiert.
4. Innovationstreiber nutzen
Entwickeln Sie neue Geschäftsmodelle wie Leasing und Sharing, um volle Lebenszyklus-Verantwortung zu übernehmen und Wettbewerbsvorteile zu sichern.
5. Zeitnahe Kommunikation starten
Positionieren Sie sich als Vorreiter und nutzen Sie die Gelegenheit, sich am Markt zu differenzieren.
Glänzen durch gute Umsetzung
Die EmpCo betrifft nahezu jedes Unternehmen und zwingt zu ernsthafter Nachhaltigkeit – die Chance liegt in der proaktiven Umsetzung. Wer jetzt investiert, schafft nicht nur Compliance, sondern neue Geschäftsmodelle und Marktpositionen. "Greenwasher" werden verlieren, echte Innovatoren glänzen – so belohnt die EmpCo strategische Nachhaltigkeit.
Gerd Krause
Partner, Audit, Sustainability Reporting & Governance
KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft