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      Im Corporate Treasury ist ein klarer technologischer Entwicklungspfad erkennbar: Treasury-Management-Systeme (TMS) erweitern ihre bislang funktions- und prozessorientierten Benutzeroberflächen schrittweise um KI‑gestützte Interaktionsformen. Ziel dieser Entwicklung ist weniger die Ablösung bestehender Systeme, sondern vielmehr eine veränderte Art der Nutzung: weg von der manuellen Navigation zwischen einzelnen Funktionen hin zu einer informations-, ereignis- und entscheidungszentrierten Interaktion, die den Treasurer gezielt bei Analyse, Priorisierung und Entscheidungsfindung unterstützt.

      In diesem Artikel betrachten wir die Weiterentwicklung der Treasury-Management-Systeme (TMS) und werfen einen Blick auf zentrale Erfolgsfaktoren.

      Die Weiterentwicklung der TMS durch KI-Funktionen

      Dass künstliche Intelligenz im Mittelpunkt der Weiterentwicklung der TMS steht, ist wenig überraschend. KI wird als unverzichtbar betrachtet und als integraler Bestandteil in die Systemarchitektur vorgesehen. 

      Übergreifend lassen sich drei komplementäre Ebenen des KI-Einsatzes beobachten: 

      1. Eingebettete analytische KI zur Muster- und Anomalieerkennung,
      2. Generative Assistenzfunktionen zur verständlichen und kontextbezogenen Informationsaufbereitung komplexer Sachverhalte sowie 
      3. KI‑Agenten, die vorbereitende oder regelbasierte Aufgaben autonom ausführen. 

      Diese Ebenen prägen zunehmend die Benutzeroberfläche moderner TMS – etwa in ERP-nahen Plattformen wie SAP mit dem KI-Assistenten Joule oder in spezialisierten Treasury-Lösungen wie z. B. Kyriba mit agentenbasierter KI.

      Dabei beobachten wir, dass der logische Aufbau der TMS nicht grundlegend infrage gestellt wird. Das Fundament bildet nach wie vor das über Schnittstellen integrierte Ökosystem aus Finanzwesen, transaktionalen Modulen, Marktdaten, Handelsplattformen und Reporting-Lösungen. Die zusätzlichen oben genannten KI-Ebenen werden die Nutzerinteraktion grundlegend verändern. 

      Unabhängig vom jeweiligen Anbieter zeigt sich damit ein einheitlicher Entwicklungstrend: Die User Interfaces der Zukunft verlagern den Fokus von der manuellen Systembedienung hin zu einer dialog-, ereignis- und entscheidungszentrierten Interaktion, bei der der Treasurer von KI‑gestützten Hinweisen, Empfehlungen und vorbereiteten Aktionen unterstützt wird, ohne dabei die fachliche Verantwortung abzugeben.

      Auswirkungen auf konkrete Treasury-Prozesse

      Im Folgenden werden einige Gedankenimpulse und Ideen zusammengetragen, wie sich diese Entwicklungen in konkreten Treasury-Prozessen auswirken können und welche Möglichkeiten sich daraus eröffnen können.

      Bank Account Management
      Im Bank Account Management unterstützt das zukünftige User Interface vor allem Transparenz, Steuerung und Compliance. KI‑gestützte Oberflächen konsolidieren Kontoinformationen über Banken und Länder hinweg, identifizieren Abweichungen in Kontostammdaten oder Zeichnungsberechtigungen und weisen proaktiv auf überfällige Bestätigungen oder Prüfungen hin. Anträge zur Kontoeröffnung oder -schließung können dialoggestützt vorbereitet werden, während der Treasurer den Freigabe‑ und Kontrollprozess verantwortet.

      Cash Management und Liquiditätssteuerung
      Im Cash Management liegt der Mehrwert insbesondere in der Verdichtung komplexer Informationen. KI‑basierte Benutzeroberflächen analysieren Cash‑Positionen, Forecasts und Zahlungsströme in Echtzeit, erkennen potenzielle Liquiditätslücken oder -überschüsse und stellen diese in einen nachvollziehbaren Ursachen‑ und Maßnahmenkontext. Der Treasurer erhält Hinweise auf Handlungsoptionen, etwa zur internen Mittelverschiebung oder kurzfristigen Finanzierung, ohne dass automatische Dispositionen erfolgen. Dies betrifft vor allem das Außenverhältnis, da konzerninterne Prozesse bereits heute weitestgehend automatisiert ablaufen.

      Zahlungsverkehr
      Im Zahlungsverkehr verlagert sich der Fokus von der manuellen Überwachung einzelner Zahlungen hin zu einer ereignisorientierten Steuerung. KI‑gestützte Interfaces erkennen Unregelmäßigkeiten, potenzielle Fehler oder auffällige Muster frühzeitig und priorisieren diese für den Nutzer. Bei Ausnahmen – etwa abgelehnten oder ungewöhnlich hohen Zahlungen – werden Ursachen analysiert und verständlich erklärt, sodass gezielte Eingriffe möglich sind.

      Finanzrisikomanagement
      Im Finanzrisikomanagement unterstützt das TMS die Analyse von FX‑, Zins‑ oder Rohstoffrisiken durch die Zusammenführung von Exposures, Marktinformationen und Sicherungsinstrumenten. KI ist in der Lage, auch unstrukturierte Daten zu interpretieren und dem Nutzer verständlich aufzubereiten. Szenarien können dialoggestützt abgefragt werden, beispielsweise zur Auswirkung veränderter Marktdaten. Empfehlungen zu Absicherungsstrategien bleiben transparent und erklärbar, die Entscheidung verbleibt beim Treasurer.

      Debt & Investment Management
      Für Finanzierungen und Geldanlagen kann eine konsolidierte Sicht auf Laufzeiten, Konditionen, Covenants und Risiken bereitgestellt werden. Abweichungen, Fälligkeiten oder Covenant‑Risiken werden dank KI-Unterstützung frühzeitig hervorgehoben. Der Mehrwert liegt weniger in der Automatisierung von Entscheidungen als in der strukturierten Vorbereitung und Priorisierung relevanter Informationen.

      Internal Controls und Compliance
      Im Bereich Internal Controls und Compliance unterstützen KI‑gestützte Benutzeroberflächen die kontinuierliche Überwachung von Kontrollen, Berechtigungen und Regelverstößen. Abweichungen werden risikoorientiert priorisiert und mit erläuternden Hinweisen versehen. Dadurch wird die Nachvollziehbarkeit erhöht, ohne zusätzliche manuelle Kontrollschritte zu verursachen. Perspektivisch könnte KI zudem mithilfe eines automatisierten Abgleichs mit aktueller und zukünftiger Regulatorik unterstützen und Hinweise auf mögliche Verstöße und deren Mitigation geben.

      Voraussetzungen für den erfolgreichen Einsatz

      Der Nutzen KI‑gestützter User Interfaces setzt bestimmte Voraussetzungen voraus. Dazu zählen eine hohe Datenqualität, konsistente Stammdaten, integrierte Systemlandschaften sowie definierte Rollen‑ und Berechtigungskonzepte. Zudem ist Transparenz von zentraler Bedeutung: Die Logik von Analysen, Hinweisen und Empfehlungen muss erklärbar gemacht werden, um Vertrauen und Akzeptanz zu schaffen.

      Dazu muss der Nutzen zügig spürbar gemacht und die komplexen Datenstrukturen des jeweiligen Unternehmens beherrscht werden. Diese Funktionen müssen in modernen, cloudbasierten Treasury-Systemen nativ bereitgestellt werden, so dass sich der klassische Aufwand für Upgrades und Rollouts reduziert: Regelmäßige Releases stellen neue Funktionen kontinuierlich im operativen Betrieb bereit.

      Einfache Bedienung, bessere Entscheidungen

      Die Integration künstlicher Intelligenz in moderne Treasury Management Systeme verändert vor allem die Art und Weise, wie Treasurer mit dem System arbeiten. Wo bisher eine komplexe Navigation und detailliertes Systemwissen erforderlich waren, ermöglichen KI gestützte Benutzeroberflächen eine direkte, dialogorientierte Interaktion. Fachliche Fragen können in natürlicher Sprache gestellt werden, relevante Daten werden aggregiert, Zusammenhänge kontextualisiert und Ergebnisse verständlich aufbereitet. Insbesondere neue Mitarbeiter profitieren von dieser veränderten Interaktionslogik, da geführte Schrittfolgen, intuitive Abfragen und automatisch erzeugte Zusammenfassungen die Einarbeitung in Treasury Prozesse deutlich erleichtern.

      Vorteile für Treasury-Mitarbeiter

      • Direkter Zugriff auf Treasury relevante Informationen ohne systemische Navigation 
      • Produktive Nutzung ohne tiefes technisches Vorwissen 
      • Kontextbezogene Schrittfolgen und Handlungsvorschläge statt isolierter Systemfunktionen 
      • Verkürzte Einarbeitungszeiten durch geführte Interaktion 
      • Strukturierte, verständliche Zusammenfassungen zur Entscheidungsunterstützung

      Fazit: KI als Ergänzung zum TMS, nicht als Ersatz

      Treasury‑Management‑Systeme entwickeln sich von transaktionsorientierten Anwendungen zu interaktions- und entscheidungszentrierten Benutzeroberflächen. Der Treasurer arbeitet zunehmend mit einer intelligenten Schnittstelle, die Informationen einordnet, Handlungsoptionen vorbereitet und Entscheidungen unterstützt. Eine hohe Datenqualität bleibt eine zentrale Voraussetzung, um die Potenziale der KI nachhaltig zu nutzen. KI kann aus unserer Sicht eine vollständig integrierte Banken- und Systemlandschaft derzeit ergänzen aber nicht ersetzen.

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      Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 164, April 2026

      Autoren:

      • Börries Többens, Partner, Finance and Treasury Management, Corporate Treasury Advisory, KPMG AG
      • Suneel Madhani, Manager, Finance and Treasury Management, Corporate Treasury Advisory, KPMG AG

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