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      Typische Herausforderungen in der Corporate Treasury Praxis

      Die Liquiditätsplanung ist ein wesentliches Element einer robusten Corporate Treasury Funktion. Sie ist darauf ausgerichtet, die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens jederzeit sicherzustellen, Risiken oder finanzielle Engpässe frühzeitig zu erkennen und überschüssige Liquidität optimal zu nutzen. Gerade in internationalen Unternehmensstrukturen werden Liquiditätsflüsse aus zahlreichen Quellen und Regionen, über verschiedene Systeme und Zeitzonen hinweg koordiniert und konsolidiert.1 Damit ist eine strukturierte Planung der Liquidität von entscheidender Bedeutung für die Treasury-Abteilung eines Unternehmens. Sie bietet nicht nur Handlungssicherheit, sondern schafft auch die Grundlage für eine flexible, strategische Steuerung und eine effiziente Mittelverwendung.

      In der dynamischen und oft unvorhersehbaren Welt des Finanzmanagements sehen sich Treasury-Abteilungen mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert, die weit über rein technische Fragestellungen hinausgehen und die Liquiditätsplanung zu einem komplexen und fehleranfälligen Prozess machen.

      Fachliche Anforderung des Unternehmens
      Zentrale Bedeutung hat dabei die Frage, wie gut das jeweilige Geschäftsmodell planbar ist. Unternehmen mit stabilen, wiederkehrenden Umsätzen verfügen in der Regel über verlässliche Cashflow-Muster, während projektorientierte, saisonal geprägte oder stark volatil agierende Geschäftsmodelle naturgemäß größere Ausschläge aufweisen. Die Charakteristik des Geschäftsmodells bestimmt daher maßgeblich die Qualität und Belastbarkeit der Liquiditätsplanung.

      Ebenso entscheidend ist die Verfügbarkeit und Qualität historischer Zeitreihen. Treasury-Abteilungen benötigen ausreichend lange und konsistente Datensätze, um Trends, Saisonalitäten und einmalige Effekte voneinander unterscheiden zu können. In vielen Unternehmen sind solche Zeitreihen jedoch nur fragmentiert vorhanden oder werden in unterschiedlichen Logiken gepflegt, was die Vergleichbarkeit erschwert. 

      Darüber hinaus ist für eine präzise Liquiditätssteuerung ein klares Verständnis der wichtigsten Cashflow-Treiber notwendig. Auf operativer Seite zählen dazu insbesondere Debitoren- und Kreditorenlaufzeiten, Bestandsbewegungen, saisonale Umsatzschwankungen, Rohstoffpreisabhängigkeiten, Steuerzahlungen oder Capex-Zyklen – Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen und das Working Capital teils erheblich verschieben. Ebenso wichtig sind jedoch die Finanzierungs- und Strukturtreiber, also alle Zahlungsströme, die mit der Kapitalstruktur des Unternehmens zusammenhängen. Dazu gehören Zins- und Tilgungspläne bestehender Finanzierungen, die Verfügbarkeit und Ausnutzung von Kreditlinien, Veränderungen der Liquiditätsreserve sowie Sonderfaktoren wie Dividenden, Anleihefälligkeiten oder Margin Calls aus Sicherungsgeschäften. Diese Informationen liegen oft weniger strukturiert vor als operative Daten, sind aber essenziell, damit KI-Modelle ein vollständiges und realitätsnahes Bild der zukünftigen Liquidität zeichnen können.

      Datenintegration und Konsolidierung
      Unternehmen arbeiten häufig mit einer Vielzahl unterschiedlicher ERP-Systeme, Buchungslogiken und Datenformaten, von lokalen Buchhaltungssystemen über zentrale Finanzplattformen bis hin zu Speziallösungen für einzelne Geschäftseinheiten. Diese Heterogenität erschwert die Zusammenführung der Zahlungsströme erheblich. Selbst kleine Abweichungen in Buchungslogiken oder Währungskonventionen können dazu führen, dass Daten nicht direkt vergleichbar sind. Ohne eine einheitliche Datenstruktur und automatisierte Schnittstellen bleibt die Datenintegration ein komplexer und zeitaufwendiger Prozess, der die Transparenz und Genauigkeit der Finanzberichterstattung gefährdet.

      Prognoseunsicherheiten
      Neben der Integration von Daten zählt das Erstellen von Prognosen zu den größten Herausforderungen im Treasury-Bereich. Schwankende Einnahmen, saisonale Unterschiede, projektabhängige Zahlungsabläufe sowie verspätete Zahlungen von Kunden führen oft zu ungenauen Planwerten. Diese Unsicherheiten erschweren es zusätzlich, den kurzfristigen sowie auch langfristigen Liquiditätsbedarf zuverlässig vorherzusehen.2

      Für das Fachgebiet bedeutet dies nicht nur, Unsicherheiten zu messen, sondern auch die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge der relevanten Einflussfaktoren zu erkennen. Zum Beispiel kann eine hohe Anzahl neuer Aufträge zunächst höhere Materialkosten und somit kurzfristig einen Abfluss von liquiden Mitteln verursachen, während die dazugehörigen Zahlungseingänge erst später eintreffen. Wenn solche Wechselwirkungen nicht berücksichtigt werden, riskieren Treasury-Abteilungen suboptimale Maßnahmen – wie unnötige Kredite oder ineffiziente Kapitalbindung.

      Außerdem hat die Qualität der historischen Daten direkten Einfluss auf die Genauigkeit von Vorhersagen. Sind Zeitreihen fragmentiert, lückenhaft oder inkonsistent, wird es schwieriger, Trends, Saisonalitäten oder Sondereffekte zu analysieren. Neben dem Verständnis für die ökonomischen Zusammenhänge der Cashflows braucht es daher Transparenz über Struktur und Aussagekraft der verfügbaren Datenbasis. AP/AR-Buchungsdaten bilden den tatsächlich gebuchten Status quo zwar sehr verlässlich ab, enthalten jedoch keine Informationen über bevorstehende Rechnungen, Leistungsfortschritte oder erwartete Abweichungen. Controllingdaten wie Forecasts, Budgets oder Auftragseingänge ergänzen diese Sicht durch vorausschauende Elemente – vorausgesetzt, sie sind klar definiert, konsistent strukturiert und lassen sich sauber mit den operativen Buchungsdaten verknüpfen. Je besser diese Datenwelten integriert sind, desto belastbarer werden die Prognosen und desto früher lassen sich potenzielle Liquiditätsengpässe erkennen.

      Die Problematik bei der Integration der Controllingsicht und Treasurysicht ist regelmäßig, dass Prognosen des Treasury auf Gesellschaften, Valutatag und Transaktionswährung ausgerichtet ist, während das Controlling die Sicht auf Business Units, Perioden und Funktionaler Währung einnimmt. Für die Harmonisierung ist eine methodisch saubere, aber auch teilweise individuelle Vorgehensweise fundamental.

      Manuelle Prozesse in Treasury-Abteilungen
      Viele Treasury-Abteilungen sind nach wie vor stark auf manuelle Prozesse angewiesen. Das beginnt bei der Erfassung und Abstimmung von Zahlungsströmen aus Vertrieb, Einkauf, Produktion oder Controlling und reicht bis zur Konsolidierung von Daten für Forecasts und Reports. Dabei müssen unterschiedliche Geschäftslogiken und interne Trigger manuell zusammengeführt werden, beispielsweise Debitorenlaufzeiten, Lagerbewegungen oder Capex Cashflows. Jede Abweichung oder Verzögerung kann die Korrelation zwischen den Einflussfaktoren verschleiern und damit die Interpretation der Cashflow-Treiber erschweren.

      Besonders herausfordernd ist die manuelle Analyse der Kausalzusammenhänge zwischen verschiedenen Positionen. Ein hoher Auftragseingang kann beispielsweise zunächst einen erhöhten Materialeinsatz und damit kurzfristigen Cash-Abfluss auslösen, während die entsprechenden Zahlungseingänge erst später erfolgen. Solche Wechselwirkungen müssen Treasury-Teams erkennen und korrekt abbilden, was ohne automatisierte Prozesse äußerst zeitaufwendig und fehleranfällig ist. Die manuelle Zusammenführung der Daten aus unterschiedlichen Quellen bindet erhebliche Kapazitäten und erschwert es, die Liquiditätsplanung flexibel und präzise zu gestalten.

      Mangelnde Transparenz
      Der Überblick über globale Konten und Liquiditätsreserven weist häufig Lücken auf, was das Risiko von Engpässen oder ineffizienter Mittelbindung erhöht (vgl. Kyriba, 2023). Diese Defizite behindern nicht nur die kurzfristige Liquiditätssteuerung, sondern erschweren auch die rechtzeitige Identifikation potenzieller Engpässe sowie eine effiziente Allokation der verfügbaren Mittel. Im praktischen Treasury-Alltag bedeutet dies, dass Entscheidungen oftmals auf Basis unvollständiger Informationen getroffen werden müssen – etwa bei der Priorisierung von Zahlungen, der Optimierung des Working Capitals oder in der Planung von Finanzierungslinien.

      Mit dem verstärkten Einsatz KI-basierter Prognosemodelle entstehen zusätzliche Herausforderungen hinsichtlich Transparenz. Zwar kann KI historische Daten effizient auf Muster, Ausreißer oder frühe Veränderungen im Zahlungsverhalten analysieren, doch bleibt oft unklar, welche Faktoren die Ergebnisse tatsächlich treiben. Best Practices zeigen, dass Modelle nur dann zuverlässig interpretierbar sind, wenn die Daten zuvor klar strukturiert wurden – etwa nach Gesellschaft, Währung, Kategorie oder Fälligkeit – und zusätzliche Quellen wie Forecasts, Vertragsdaten oder Produktions- und Lagerkennzahlen integriert sind. Ebenso wichtig sind erklärbare Verfahren, die aufzeigen, welche Variablen den Forecast maßgeblich beeinflussen und wie sensitiv die Ergebnisse auf Änderungen reagieren. Ohne ein fundiertes Verständnis der Modelllogik, der relevanten Auslöser und zugrunde liegenden Annahmen besteht das Risiko einer irreführenden Interpretation der Analyseergebnisse. Die Verwendung ungeeigneter Modelle oder unzureichend aufbereiteter Eingangsdaten kann zu Prognosen führen, die kurzfristig plausibel erscheinen, langfristig jedoch Fehlentscheidungen begünstigen.

      Vor diesem Hintergrund ist es für das Treasury unerlässlich, nicht nur die finanziellen Ströme innerhalb des Unternehmens transparent abzubilden, sondern auch die Funktionsweise und Limitationen eingesetzter Prognosemodelle nachvollziehen zu können. Nur so lassen sich Erkenntnisse aus Analysen verlässlich in Entscheidungen zur Liquiditätsplanung, Risikosteuerung und Kapitalallokation integrieren. Künstliche Intelligenz stellt somit kein universelles Lösungsinstrument dar, sondern erweist sich als Werkzeug, dessen Mehrwert maßgeblich von der Qualität der genutzten Daten, der Auswahl adäquater Modelle und der fachlichen Kompetenz bei der Ergebnisinterpretation abhängig ist.

      Externe Schocks 
      Wirtschaftliche Krisen, Zinsänderungen und neue Vorschriften verlangen schnelle Anpassung und erhöhen die Unsicherheit im Finanzmanagement. Für das Treasury reicht es nicht mehr, nur kurzfristige Cashflow-Prognosen zu erstellen – entscheidend ist, wie sensibel das Geschäftsmodell auf verschiedene Szenarien reagiert: Steigende Zinsen, Wechselkursschwankungen und neue Regulierungen beeinflussen Finanzierungskosten, Liquidität und internationale Positionen direkt. Oft wirken diese Faktoren zusammen und fordern eine flexible und vorausschauende Steuerung, um Risiken zu begrenzen. Auch steigende Rohstoffpreise, saisonale Schwankungen oder politische Risiken machen eine genaue Analyse von Ursachen und Folgen für den Cashflow unerlässlich.

      Excel-Abhängigkeit 
      In zahlreichen Treasury-Abteilungen stellt Excel weiterhin das primäre Werkzeug für die Liquiditätsplanung dar. Obwohl es zunächst durch Flexibilität überzeugt, zeigen sich auf fachlicher Ebene schnell Einschränkungen: Die Versionierung, die Nachvollziehbarkeit von Annahmen, die Datenkonsistenz sowie die Abbildung komplexer Kausalzusammenhänge sind nur begrenzt möglich. Darüber hinaus erschwert die manuelle Pflege der Excel-Dateien eine zeitnahe Anpassung an Veränderungen im Geschäftsmodell oder an externe Einflüsse wie saisonale Umsatzschwankungen oder erhöhte Marktvolatilität.

      Der Umstieg von Excel auf integrierte digitale Lösungen bietet Treasury-Abteilungen die Chance, komplexe Anforderungen effizient zu bewältigen. Durch automatisierte Schnittstellen wird eine konsistente Zusammenführung von Daten aus verschiedenen Quellen ermöglicht. Zudem erhöht die transparente Dokumentation der Annahmen die Qualität der Analyse zentraler Cashflow-Treiber, während Szenario-Analysen einfacher umgesetzt werden können. Somit können Treasury-Fachkräfte ihre Expertise gezielter einbringen, fundierte Entscheidungen treffen und agiler auf interne sowie externe Veränderungen reagieren.

      Fazit & Ausblick: Zukunft der Liquiditätsplanung im Treasury

      Die moderne Liquiditätsplanung im Corporate Treasury ist geprägt von komplexen Herausforderungen: fehlende Transparenz, externe Schocks und eine oftmals große Abhängigkeit von Excel erschweren den Alltag und bergen Risiken für Fehlentscheidungen. Doch gerade hier entfaltet Künstliche Intelligenz ihr Potenzial: Sie hebt verborgene Zusammenhänge hervor, steigert die Prognosegenauigkeit und schafft Raum für Automatisierung, sodass das Treasury nicht nur effizienter, sondern auch krisenfester wird.

      Entscheidend bleibt jedoch: Nur wer die eingesetzten Modelle versteht und kritisch hinterfragt, kann deren Ergebnisse sinnvoll nutzen und die Weichen für nachhaltigen Erfolg stellen. KI ist kein Selbstläufer, sondern verlangt Expertise und Mut zur Veränderung – doch die Chancen sind enorm.

      Bleiben Sie gespannt: In unserer nächsten Ausgabe (Januar/Februar 2026) widmen wir uns den konkreten Tools, Lösungsansätzen und Best Practices, die den Weg zur erfolgreichen KI-Integration im Treasury ebnen.

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      1 Vgl. Kyriba (2023): Insights & Best Practices für Treasury- und Cash-Management
      2 Vgl. Cashforce (2023): Whitepaper „AI in Treasury & Cash Forecasting“

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      Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 161, Dezember 2025

      Autoren:

      • Börries Többens, Partner, Finance and Treasury Management, Corporate Treasury Advisory, KPMG AG
      • Daniel Lichtenberg, Manager, Finance and Treasury Management, Corporate Treasury Advisory, KPMG AG

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