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      20 Jahre lang war der Mobile World Congress in Barcelona vor allem eine Leistungsschau der Konnektivität: schnellere Netze, größere Reichweite, mehr Bandbreite. Das Jubiläum 2026 markiert allerdings einen Bruch. Unter dem Leitthema „The IQ Era“ diskutiert die Branche nicht mehr, wie sie Daten besser transportieren, sondern wie Wertschöpfung mit ihren Netzen künftig aussehen kann.

      Der Anlass für diese Diskussion ist drängend. Denn während das Datenvolumen kontinuierlich wächst, tun es die Umsätze nicht. Im klassischen Sprach- und Datengeschäft stagnieren die Wachstumsraten. Gleichzeitig steigt der Investitionsbedarf für Netzausbau und Modernisierung weiter an. Die Branche ist mit einer Entkopplung konfrontiert: Ihre Netze werden immer wichtiger für Wirtschaft und Gesellschaft, doch die Geschäftsmodelle, die auf diesen Netzen aufsetzen, werfen immer weniger ab.

      In der Praxis zeigt sich: Angesichts veralteter Geschäftsmodelle entwickeln sich Telekommunikationsunternehmen weiter – von reinen Infrastrukturanbietern hin zu technologiegetriebenen Unternehmen, die ihre Netze durch neue Dienste für das KI-Zeitalter erweitern.

      Drei Wachstumsfelder stehen im Zentrum dieser Diskussion:

      1. Das Netzwerk wird zur programmierbaren Plattform

      Netzwerke werden künftig nicht mehr „nur“ betrieben, sondern sollten programmierbar werden. Über standardisierte Schnittstellen können Drittanbieter direkt auf Netzwerkfunktionen zugreifen: auf die Verifizierung von Identitäten, die Erkennung von Betrugsversuchen oder die dynamische Anpassung der Verbindungsqualität an die Anforderungen einer bestimmten Anwendung. 

      Damit verändert sich auch die Erlöslogik. Statt monatlicher Pauschalen für Datenvolumen entstehen transaktionsbasierte Modelle. Eine Bank, die bei jeder Überweisung die Identität des Nutzers über das Mobilfunknetz verifiziert, oder ein Logistiker, der für seine Drohnenflotte garantierte Netzqualität bucht, zahlt pro Nutzung einer konkreten Netzwerkfunktion. Damit entkoppelt sich Umsatz vom Datenverbrauch.

      In Europa haben mehrere Netzbetreiber bereits kommerzielle Schnittstellen für Identitätsprüfung und Betrugsschutz eingeführt. Ein branchenweites Konsortium arbeitet zudem daran, den Vertrieb auf globaler Ebene zu standardisieren. Doch der Weg dorthin verlangt einen Kulturwandel: Telekommunikationsunternehmen sollten lernen, noch mehr wie Software-Unternehmen zu agieren, Entwickler für ihre Plattformen gewinnen und eine höhere Innovationsgeschwindigkeit entwickeln. 

      2. Souveräne KI-Infrastruktur als neues Geschäftsfeld

      An der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz und digitaler Souveränität entsteht ein zweites Wachstumsfeld. Der EU AI Act und geopolitische Spannungen verändern derzeit die Spielregeln für den Umgang mit Daten und Rechenleistung. Unternehmen und öffentliche Institutionen suchen zunehmend nach KI-Infrastrukturen, die unter europäischer Kontrolle stehen. 

      Telekommunikationsunternehmen können hier eine Rolle einnehmen, die weit über Konnektivität hinausgeht. Als Betreiber spezialisierter Rechenzentren für das Training und den Betrieb von KI-Modellen, sogenannter AI Factories, bieten sie Rechenkapazitäten und integrierte Plattformen an, die Infrastruktur, Datenmanagement und KI-Anwendungen bündeln. In mehreren europäischen Ländern sind bereits Leuchtturmprojekte in Betrieb, bei denen Netzbetreiber gemeinsam mit Technologiepartnern industrielle KI-Plattformen errichten.

      Gleichzeitig durchdringt künstliche Intelligenz zunehmend den Netzbetrieb selbst. Unter dem Stichwort „Agentic AI“ werden KI-Systeme entwickelt, die nicht nur zur Analyse genutzt werden können, sondern teils eigenständig handeln: Netzstörungen proaktiv erkennen, Datenverkehr autonom umleiten und komplexe Serviceanfragen ohne menschliches Eingreifen lösen. Für Netzbetreiber bedeutet das eine doppelte Chance: Sie können KI-Infrastruktur nicht nur anbieten, sondern sie gleichzeitig nutzen, um ihre eigenen Betriebskosten zu senken und die Servicequalität zu verbessern.

      3. Cybersecurity als strategisches Leistungsversprechen

      Das dritte Wachstumsfeld ist eng mit der Souveränitäts-Debatte verknüpft. In einer geopolitisch instabilen Welt wird digitales Vertrauen zum Wettbewerbsvorteil.

      Die europäische Network and Information Security Directive 2 (NIS2) weitet den Kreis der Unternehmen mit verpflichtenden Cybersecurity-Anforderungen massiv aus. Branchen wie Chemie, Ernährung, Post und Logistik müssen künftig proaktive Sicherheitsmaßnahmen ergreifen und strenge Meldefristen einhalten. Für viele Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, ist das ohne externe Partner kaum zu bewältigen.

      Telekommunikationsunternehmen sind für diese Rolle prädestiniert. Als Betreiber kritischer Infrastruktur unterliegen sie selbst den höchsten Sicherheitsstandards und betreiben spezialisierte Sicherheitszentren. Sie können Bedrohungen direkt auf der Netzwerkebene erkennen und abwehren, bevor diese das Netzwerk des Kunden erreichen. Sicherheit wird so nicht zum separaten Produkt, sondern zum integralen Bestandteil von Konnektivitätslösungen. Der akute Fachkräftemangel im Sicherheitsbereich verstärkt diesen Trend: Wer nicht über eigene Experten verfügt, ist auf Partner angewiesen, die Sicherheit und Netzwerk aus einer Hand bieten können.

      Fazit: Der Beginn einer neuen Ära

      Das Wachstum europäischer Telekommunikationsunternehmen wird künftig nicht über das Datenvolumen definiert, sondern über den Wert der Dienste, die auf dem Netzwerk aufsetzen. Programmierbare Schnittstellen, souveräne KI-Infrastruktur und integrierte Cybersecurity bilden gemeinsam das Fundament einer neuen strategischen Positionierung: Das Netzwerk wird vom reinen Transportmedium zum intelligenten Kern der Digitalwirtschaft.

      Die Voraussetzungen dafür sind günstig. Netzbetreiber verfügen über physische Infrastruktur, regulatorische Verankerung und etablierte Kundenbeziehungen, die kein rein digitaler Wettbewerber in dieser Kombination bieten kann. 



      Umbruch im Telekommunikations-Sektor

      Die Transformation von traditionellen zu technologiefokussierten Unternehmen

      Tunnel farbige Scheiben

      Ihre Ansprechperson

      Katja Modder

      Partnerin, Tax, Head of Technology, Media & Telecommunications (TMT)

      KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft