Klinikinformationssysteme (KIS) stehen im Zentrum eines fundamentalen Wandels im Schweizer Gesundheitswesen. Was früher als Dokumentationssystem begann, entwickelt sich heute zum strategischen Betriebssystem für Spitäler.

Heute verbinden KIS medizinische, pflegerische und administrative Prozesse und bilden die Grundlage für eine durchgängige Versorgung. Damit werden sie zu einem zentralen Instrument der Organisationssteuerung und zu einem entscheidenden Hebel für die zukünftige Handlungsfähigkeit von Spitälern.

Gleichzeitig nimmt der Transformationsdruck im Markt deutlich zu. Viele Spitäler stehen vor der Herausforderung, bestehende Systeme weiterzuentwickeln und den steigenden Anforderungen an Digitalisierung, Effizienz und Vernetzung gerecht zu werden.
 

„Die Wahl des KIS beeinflusst nicht nur die IT-Landschaft, sondern die zukünftige strategische Hand­lungsfähigkeit des Spitals.“
Florian Vinzenz Schmid

Director, Sektorleiter Öffentliche Verwaltung

KPMG Schweiz

Florian Vinzenz Schmid

Director, Sektorleiter Öffentliche Verwaltung

KPMG Switzerland

Christoph Marschner

Director, Digital Transformation

KPMG Switzerland


Warum jetzt der richtige Zeitpunkt zum Handeln ist

Unsere neuste Studie zu Klinikinformationssystemen (KIS) zeigt den Ist-Zustand im Schweizer Gesundheitswesen:

Hohe Unzufriedenheit mit bestehenden KIS

Die befragten Spitäler bewerten die Zufriedenheit mit heutigen klinischen Informationssystemen insgesamt als gering – wobei Schweizer Spitäler ihre Systeme noch kritischer beurteilen als jene in Deutschland. Besonders kritisch wird die Zukunftsfähigkeit bewertet. Viele Systeme gelten als stabil, aber nicht als innovativ oder skalierbar.

Cloud, Automatisierung und künstliche Intelligenz (KI)

Obwohl digitale Innovation im Gesundheitswesen, Automatisierung und KI erst begrenzt eingesetzt werden, schätzen die befragten Spitäler ihr Potenzial als sehr hoch ein. Die Lücke zwischen strategischem Anspruch und operativer Realität bleibt gross.

Strategische Motive eines KIS-Wechsels

Die befragten Schweizer Spitäler verfolgen mit dem KIS-Wechsel folgende Ziele: 

  • Entlastung des Personals
  • Standardisierung der Prozesse
  • Integration neuer Technologien, KI und Automatisierung
  • Interoperabilität und Datenverfügbarkeit

Kostensenkung und Patientensicherheit werden in diesem Kontext eher geringer bewertet.

Diese Ergebnisse zeigen: Die Transformation von KIS geht weit über technologische Fragen hinaus.

Gleichzeitig wirken mehrere strukturelle Entwicklungen auf die Rolle von KIS ein:

1. Ökonomischer Druck und Effizienzanforderungen

  • Steigender Kostendruck
  • Wachsender Bedarf an effizienten Versorgungsprozessen

2. Regulatorische Anforderungen

  • Zunehmende Bedeutung von Interoperabilität
  • Anforderungen an Datenflüsse und Vernetzung

3. Technologische Dynamik

  • Cloud- und Plattformarchitekturen
  • Fortschritte in Datenverarbeitung und KI

4. Klinisch-operative Veränderungen

  • Steigende Anforderungen an Patientenzentrierung
  • Integration ambulanter und stationärer Leistungen

Diese Entwicklungen erhöhen den Handlungsdruck erheblich und zwingen Spitäler dazu, ihre KIS-Strategie neu auszurichten. Ein KIS-Wechsel ist heute häufig nicht mehr allein eine technologische Entscheidung, sondern Teil einer umfassenden organisatorischen Transformation.

Mehr als Dokumentation: Die neue Rolle des KIS

Während klassische Systeme primär dokumentierten, unterstützen moderne KIS nicht nur die klinische Dokumentation, sondern auch die Terminplanung, das Medikationsmanagement sowie zahlreiche administrative Prozesse.

Sie steuern Prozesse, vernetzen Versorgungspartner und schaffen die Grundlage für datenbasierte Entscheidungen.

Zentrale Entwicklungslinien:

  • Automatisierung von Workflows
  • Integration verschiedener Versorgungssysteme
  • Bereitstellung strukturierter Daten
  • Unterstützung klinischer Entscheidungen
  • Vernetzung über Organisationsgrenzen hinweg

Diese Entwicklung wird durch neue Technologien zusätzlich beschleunigt:

  • Automatisierte Datenerfassung (z.B. Sprache, Sensorik)
  • Integration externer Datenquellen
  • Zunehmende Nutzung datenbasierter Anwendungen

Warum die Ausrichtung der IT-Architektur ein zentrales strategisches Element ist

Die gewählte Architektur entscheidet darüber, wie flexibel, integrierbar und zukunftsfähig ein KIS langfristig ist.

Spitäler stehen heute vor der Wahl zwischen:

  • Monolithischen Systemen – stabil, aber wenig flexibel
  • Modularen Systemen – flexibel, aber noch herstellerabhängig
  • Microservice-Systemen – agil, aber komplex

Die Wahl der Architektur ist dabei keine reine IT-Entscheidung, sondern eine strategische Organisationsentscheidung.

Die höhere Flexibilität bringt jedoch zusätzliche Anforderungen mit sich:

  • Integrationskompetenz (z.B. API, FHIR)
  • Reife Betriebs- und Monitoringstrukturen
  • Klare Governance und Release-Prozesse
  • Fähigkeit zur Steuerung mehrerer Anbieter 

Deshalb gilt:

  • Nicht jede Organisation profitiert von maximaler Flexibilität
  • Modularität ist oft der praktikabelste Zwischenschritt

Für Spitäler bedeutet das: Nicht die modernste Architektur ist automatisch die richtige, sondern jene, die zu den eigenen strategischen Zielen, Ressourcen und organisatorischen Fähigkeiten passt.

Interoperabilität macht den Unterschied

Ohne standardisierte Schnittstellen lassen sich klinische, administrative und externe Systeme nur eingeschränkt vernetzen.

Kernanforderungen:

  • Standardisierte Schnittstellen (z.B. FHIR)
  • Integration von klinischen und administrativen Systemen
  • Vernetzung mit externen Partnern
  • Unterstützung von Datenplattformen

Damit verbunden ist eine zentrale strategische Frage: Soll das KIS primär Prozesse steuern – oder gleichzeitig als Grundlage einer organisationsweiten Datenplattform dienen?
 

„Interoperabilität wird zur strategischen Pflicht.“
Christoph Marschner

Director, Digital Transformation

KPMG Schweiz

Neben technologischen Fragestellungen gewinnen auch regulatorische Anforderungen zunehmend an Bedeutung:

  • Zukünftige Klinikinformationssysteme bieten zunehmend medizinisch relevante Funktionalitäten, wodurch die Fragestellung hinsichtlich der Einhaltung der Medizinprodukteverordnung in der Schweiz an Bedeutung gewinnt.
  • KIS-Anbieter tendieren daher dazu, ihre Systeme zunehmend zu modularisieren, um den komplexen Anforderungen der Medizinprodukteverordnung besser gerecht zu werden.

Die Herausforderung besteht deshalb nicht allein darin, Systeme zu verbinden, sondern eine Datenbasis zu schaffen, die bereichsübergreifende Prozesse und fundierte Entscheidungen ermöglicht.


Warum manche KIS-Transformationen erfolgreich sind – und andere scheitern

„Adopt before adapt.“


Die Einführung eines neuen KIS ist kein klassisches IT-Projekt, sondern eine umfassende Transformation.

Erfolgreiche Transformationen beginnen nicht mit der Softwareauswahl. Sie beginnen mit strategischen Zielsetzungen, welche über eine klare Zielarchitektur sowie standardisierte Prozesse umgesetzt werden und einer Organisation, welche den Wandel aktiv mitträgt.

Zentrale Erfolgsfaktoren:

  • Klare Zielarchitektur und strategisches Zielbild
  • Frühe Einbindung aller Fachbereiche
  • Konsequente Standardisierung
  • Integrierte Vorbereitung von Technik und Organisation

Besonders relevant:


Im Rahmen der Transformation von Klinikinformationssystemen sollte die Standardisierung als strategische Priorität betrachtet werden, um Effizienz zu steigern und die Zukunftsfähigkeit zu gewährleisten.

Dies ist kein rein technisches Thema, sondern eine gesamtheitliche Herausforderung, die den flächendeckenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) unterstützen kann.

  • Nicht alle bestehenden Prozesse sollten übernommen werden
  • Fokus auf Standardprozesse statt individueller Lösungen

Typische Risiken:

  • Zu starkes Customizing
  • Unterschätzte Datenmigration
  • Fehlende Akzeptanz in Fachbereichen
  • Unklare Governance
  • Mangelndes Change Management

Der Erfolg einer KIS-Transformation entscheidet sich deshalb weniger bei der Auswahl der Software als bei der konsequenten Ausrichtung von Organisation, Prozessen und Governance.
 


„Die technische Umsetzung ist nur der Anfang der Transformation; nachhaltiger Nutzen entsteht erst durch die erfolgreiche Adoption und Integration in alltägliche Abläufe.“
Christoph Marschner

Director, Digital Transformation

KPMG Schweiz


Kooperationen als Antwort auf steigende Komplexität

Neben der internen Transformation gewinnen übergreifende Modelle an Bedeutung.

Ziele gemeinsamer Ansätze:

  • Reduktion von Komplexität
  • Harmonisierung von Prozessen
  • Skaleneffekte
  • Effizientere Nutzung von Ressourcen

Konkrete Effekte:

  • Weniger Doppelspurigkeit
  • Bessere Nutzung von Kapazitäten
  • Höhere Prozessgeschwindigkeit
  • Fokus auf klinische Kernleistungen 


Kooperationen reduzieren Komplexität, schaffen Skaleneffekte und verbessern gleichzeitig die Versorgungsqualität.

Welche Fragen sich Spitäler jetzt stellen sollten

Vor einer KIS-Transformation sollten Spitäler insbesondere folgende Fragen beantworten:

  • Welche Rolle soll das KIS zukünftig einnehmen?
  • Welche Architektur passt zur eigenen Organisation?
  • Wie wird Interoperabilität sichergestellt?
  • Welche Prozesse sollten standardisiert werden?
  • Wo entstehen Mehrwerte durch Kooperation?
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Hinweis

Diese Fragen sollten frühzeitig beantwortet werden – denn Architektur, Prozesse und Organisation lassen sich nur begrenzt nachträglich korrigieren.


KIS entscheidet über die Zukunftsfähigkeit von Spitälern

Klinikinformationssysteme sind heute weit mehr als klinische Informationssysteme – sie bilden die digitale Grundlage für Steuerung, Zusammenarbeit und Versorgung im Spital.

Ihr Wert entsteht nicht durch einzelne Funktionen, sondern durch das Zusammenspiel von:

  • Strategie und Zielarchitektur
  • Architekturentscheidungen
  • Interoperabilität und Datenfähigkeit
  • Organisation und Governance 

Klinikinformationssysteme entscheiden heute nicht mehr nur über die Qualität der IT-Landschaft, sondern zunehmend über die Leistungs-, Steuerungs- und Zukunftsfähigkeit eines Spitals.

Wer KIS-Transformationen ausschliesslich als Technologieprojekt versteht, schöpft ihr Potenzial nicht aus. Erfolgreiche Transformationen verbinden Strategie, Architektur, Prozesse und Organisation zu einem integrierten Zielbild – und schaffen damit die Grundlage für eine leistungsfähige und zukunftsfähige Gesundheitsversorgung.

Gemeinsam Wandel gestalten – mit Weitblick und Wirkung

Die digitale Transformation im Gesundheitswesen verlangt nach einem ganzheitlichen Ansatz.

Unsere Expertenteams begleiten Organisationen bei der Entwicklung und Umsetzung von digitalen Strategien für Spitäler, die nachhaltig sind – von der Standortbestimmung über Governance- und Transformationsfragen bis zur praktischen Umsetzung vernetzter Gesundheitslösungen.

Ihre Ansprechpartner

Florian Vinzenz Schmid

Director, Sektorleiter Öffentliche Verwaltung

KPMG Switzerland

Christoph Marschner

Director, Digital Transformation

KPMG Switzerland

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