Die Schweiz steht für Stabilität und gute Vorbereitung. Doch wie resilient sind wir wirklich, sollten mehrere Krisen gleichzeitig auftreten?

Cyberangriffe, Störungen der Energieversorgung, geopolitische Abhängigkeiten und KI sind zunehmend miteinander verknüpft und schaffen Risiken, die sich nicht isoliert bewältigen lassen.

Dr. Myriam Dunn Cavelty vom Center for Security Studies der ETH Zürich erklärt, weshalb Resilienz nicht nur von Technologie und Notfallplänen abhängt, sondern auch davon, Abhängigkeiten zu verstehen, kritisches Denken zu stärken und aus Vorbereitung konkretes Handeln werden zu lassen.

Auf dieser Seite finden Sie einen Auszug aus dem Gespräch mit Myriam Dunn Cavelty. Das vollständige Interview können Sie als PDF herunterladen.

Prof. Dr. Reto Eberle

Partner, Mitglied des Department of Professional Practice

KPMG Switzerland

Matthias Bossardt

Partner, Leiter Cyber & Digital Risk Consulting

KPMG Switzerland

Prof. Dr. Reto Eberle (RE): Das Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich untersucht sicherheitspolitische und soziotechnische Risiken. Was macht das CSS genau, und welche Rolle nehmen Sie dort ein?

Dr. Myriam Dunn Cavelty (MDC): Das CSS ist mehr als ein Think Tank. Wir sind ein Kompetenzzentrum für internationale und schweizerische Sicherheitspolitik und nehmen seit 2022 im Auftrag des Bundes eine nationale Aufgabe wahr. Unser Auftrag beruht auf vier Pfeilern: Lehre und Weiterbildung, Forschung, Nachwuchsförderung und Politikberatung.

Ich selbst arbeite über alle vier Bereiche hinweg. In der Forschung beschäftige ich mich vor allem mit digitalen Technologien an der Schnittstelle zur Sicherheitspolitik, also mit Cybersicherheit, internationaler Politik und der Frage, wie Technologien Politik und Gesellschaft verändern. In der Lehre unterrichte ich unter anderem Cybersicherheitspolitik und bin im Masterstudiengang Politikwissenschaft tätig. Hinzu kommen Weiterbildungsformate sowie Coaching und Mentoring für jüngere Forschende.

In der Politikberatung arbeite ich seit vielen Jahren mit der Bundesverwaltung zusammen, heute etwa zu Cybersicherheit, digitaler Souveränität und der Einbindung von Wissenschaft in das Krisenmanagement. Das Besondere am CSS ist genau diese Verbindung. Forschung, Lehre Nachwuchsförderung und Beratung nähren sich gegenseitig.

Myriam Dunn Cavelty, Reto Eberle

Matthias Bossardt (MB): Wie gelangen wissenschaftliche Erkenntnisse konkret zu Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft?

MDC: Unser Beratungsmodell ist dialogisch. Wir veröffentlichen nicht einfach Berichte, sondern arbeiten mit Bundesstellen und teilweise mit Kantonen, schaffen Dialogplattformen, führen Workshops durch und bringen Akteure über institutionelle Silos hinweg an einen Tisch.

Besonders wichtig ist Antizipation: Wir versuchen Expertise aufzubauen, bevor ein Thema akut wird. Gleichzeitig halten wir Abstand, sobald ein Prozess in die eigentliche parteipolitische Auseinandersetzung übergeht. Wirkung messen wir deshalb weniger über Downloads als über qualitative Indikatoren.

Werden Analysen in Entscheidungsprozesse aufgenommen, in parlamentarischen Vorstössen genutzt oder international referenziert? Entscheidend ist das über Jahre gewachsene Vertrauensverhältnis, bei gleichzeitig verteidigter akademischer Freiheit.  

Myriam Dunn Cavelty

RE: Welche Risiken fordern die Resilienz der Schweiz heute am stärksten heraus?

MDC: Einzelrisiken wie Pandemie, Strommangellage oder bewaffnete Konflikte werden grundsätzlich recht gut analysiert. Die grössere Herausforderung liegt aber in ihrer Kombination. In der internationalen Politik sprechen wir von Polykrisen oder Polyrisiken: Risiken, die gleichzeitig auftreten, sich gegenseitig verstärken oder Kaskaden auslösen.

Unsere starke Vernetzung ist dabei zugleich Stärke und Verwundbarkeit. Digitale Systeme, Lieferketten, Energieversorgung, Finanzsysteme und gesellschaftliche Reaktionen hängen eng zusammen. Genau solche Wechselwirkungen aber sind in klassischen Einzelrisikoanalysen schwer abzubilden.

Matthias Bossardt & Myriam Dunn Cavelty

Vollständiges Interview herunterladen

Interview with MDC

Wie krisenfest ist die Schweiz wirklich?

Interview mit Dr. Myriam Dunn Cavelty Stv. Leiterin des Think Tanks (“Deputy Director”) am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich

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