Berner Steuermonitor – Waadtländer «Ja» erhöht Handlungsdruck auf Bern

14. Oktober 2026

 
  • Mit einem ordentlichen Gewinnsteuersatz von 20,54% weist der Kanton Bern weiterhin die schweizweit höchste Steuerbelastung für Unternehmen auf.

  • Forschungsintensive Unternehmen können ihre Gewinnsteuerbelastung dank der STAF-Massnahmen auf bis zu 12,05% reduzieren. 

  • 2025 verzeichnete der Kanton Bern mehr Unternehmensabwanderungen in andere Kantone als Zuzüge.

  • Der Handels- und Industrieverein des Kantons Bern fordert eine konsequentere Standortpolitik und eine aktualisierte Wirtschaftsstrategie.

  • Der Waadtländer Volksentscheid für eine deutliche Steuersenkung zeigt: Reformen zur Stärkung von Standortattraktivität und Kaufkraft können politisch mehrheitsfähig sein.


Der Kanton Bern gehört bei der Besteuerung von juristischen und natürlichen Personen weiterhin zu den teuersten Kantonen der Schweiz. Gleichzeitig verliert Bern mehr Unternehmen, als der Kanton neu gewinnt. Dass deutliche steuerliche Entlastungen politisch mehrheitsfähig sein können, unterstreicht der jüngste Volksentscheid im Kanton Waadt. Zu diesen Ergebnissen kommt der aktuelle Berner Steuermonitor von KPMG und dem Handels- und Industrieverein des Kantons Bern (HIV).

Unternehmenssteuern: Bern bleibt im Kantonsvergleich zurück

Mit einem maximalen Gewinnsteuersatz von 20,54% liegt der Kanton Bern 2026 im interkantonalen Vergleich auf dem letzten Rang – rund sechs Prozentpunkte über dem Schweizer Durchschnitt von 14,43%, der gegenüber dem Vorjahr nahezu unverändert blieb.

Ab 2029 plant der Kanton, juristische Personen durch eine weitere Senkung der Steueranlage um jährlich CHF 60 Millionen zu entlasten. Zusammen mit der seit 2024 geltenden Senkung belaufen sich die jährlichen Mindereinnahmen auf CHF 100 Millionen. «Angesichts der weiterhin höchsten ordentlichen Gewinnsteuerbelastung der Schweiz reichen die geplanten Entlastungen nicht aus, um Bern im interkantonalen Vergleich ins Mittelfeld zu bringen», sagt Frank Roth, Leiter Steuern KPMG Bern. Zusätzlicher Handlungsdruck entsteht, weil andere Kantone Mehreinnahmen aus der OECD-Mindestbesteuerung für neue Förderinstrumente einsetzen, während Bern bisher auf weitere Massnahmen verzichtet.

STAF-Massnahmen bieten weiterhin Potenzial

Umso wichtiger bleiben die bestehenden STAF-Instrumente. So können forschungsintensive Unternehmen ihre Gewinnsteuerbelastung durch den F&E-Zusatzabzug und die Patentbox deutlich reduzieren. Bei maximaler Ausschöpfung der STAF-Massnahmen sinkt der Gewinnsteuersatz für forschungsintensive Unternehmen im Kanton Bern auf 12,05%, d.h. rund 8,5 Prozentpunkte unter dem ordentlichen Satz. Bisher machen jedoch nur rund 200 Unternehmen im Kanton Bern eine STAF-Ermässigung geltend. Für Unternehmen, die der Mindestbesteuerung unterliegen ist insbesondere der F&E-Zusatzabzug interessant, da dieser als «Qualified Tax Incentive» qualifizieren und auch Gewinnsteuersätze unter 15% ermöglichen kann. 

«Die Patentbox und der F&E-Zusatzabzug unterstützen innovative Unternehmen dabei, ihre Steuerbelastung merklich zu senken. Dass lediglich rund 200 Unternehmen von den Massnahmen Gebrauch machen, verdeutlicht den Bedarf, die Instrumente bekannter zu machen», sagt Henrik Schoop, Direktor des Handels- und Industrievereins des Kantons Bern. 

Bern verzeichnet deutliche Unternehmensabwanderung

2025 verlegten gemäss CRIF 38’081 Unternehmen ihren Sitz innerhalb der Schweiz, rund ein Fünftel davon in einen anderen Kanton. Bern verzeichnete netto eine Abwanderung von 117 Unternehmen, vor allem nach Solothurn (75), Zürich (63) und Zug (50). «Die Unternehmensabwanderung unterstreicht den Handlungsbedarf. Um Arbeitsplätze, Investitionen und Wohlstand langfristig zu sichern, braucht Bern eine aktualisierte Wirtschaftsstrategie mit neuen Standortimpulsen», so Henrik Schoop.

Die Bedeutung grösserer Unternehmen für den kantonalen Finanzhaushalt zeigt sich auch an der Verteilung der Steuerlast: Knapp zwei Drittel der juristischen Personen bezahlen fast keine Kantonssteuer. Dagegen tragen 21% der juristischen Personen mehr als 98% der kantonalen Gewinnsteuerlast.

Einkommenssteuern: Bern auf dem viertletzten Platz

Mit einem maximalen Einkommenssteuersatz von 40,85% liegt der Kanton Bern deutlich über dem Schweizer Durchschnitt von 33,04% und belegt im interkantonalen Vergleich den viertletzten Rang. Die Steuerbelastung liegt damit insbesondere bei hohen Einkommen über jener der meisten anderen Kantone.

Die ab 2027 vorgesehene Steuergesetzrevision entlastet tiefe und mittlere Einkommen, während hohe Einkommen unverändert besteuert werden. Geplant sind Anpassungen des Einkommenssteuertarifs, höhere Sozialabzüge und eine Senkung der kantonalen Steueranlage. Daraus soll eine durchschnittliche Entlastung von CHF 250 pro Person resultieren. Der HIV begrüsst die Entlastung grundsätzlich, hält sie jedoch nicht für ausreichend, um die steuerliche Wettbewerbsfähigkeit des Kantons zu verbessern. 

«In Bern wird häufig argumentiert, weitergehende steuerliche Entlastungen seien politisch nicht realisierbar. Die Abstimmung in der Waadt vom 27. September 2026 beweist das Gegenteil. Wer den Standort stärken will, sollte den Mut haben, der Bevölkerung ambitioniertere Steuerreformen vorzulegen», sagt Henrik Schoop. Die Zustimmung von rund 54% zur Steuersenkung in der Waadt zeige, dass steuerliche Wettbewerbsfähigkeit auch an der Urne Mehrheiten finden kann.

Pendlersaldo bleibt eine Herausforderung

Die vergleichsweise hohe Steuerbelastung wirkt sich auch auf die Wohnsitzwahl aus. Zahlreiche Erwerbstätige arbeiten im Kanton, wohnen jedoch ausserhalb. Dies spiegelt sich im Pendlersaldo wider: 2024 pendelten 63’573 Personen nach Bern und 39’584 aus dem Kanton heraus. Der Saldo von 23’989 Personen lag um 1’191 unter dem Vorjahreswert. Dadurch entgehen Kanton und Gemeinden jährlich schätzungsweise deutlich über CHF 150 Millionen an Steuereinnahmen.

«Der rückläufige Pendlersaldo ist erfreulich. Dennoch bleibt die steuerliche Attraktivität des Kantons eine Herausforderung: Unternehmen bekunden weiterhin Mühe, Fach- und Führungskräfte zu gewinnen, während sich einkommensstarke Personen häufig für einen Wohnsitz ausserhalb des Kantons entscheiden», sagt Henrik Schoop.

Der «Berner Steuermonitor» ist ein systematischer interkantonaler Vergleich der steuerlichen Wettbewerbsfähigkeit des Kantons Bern. Er analysiert die Attraktivität des Kantons bezüglich der Besteuerung von Unternehmen und der Einnahmenstruktur. Der «Berner Steuermonitor» ist eine Kooperation von KPMG und des Handels- und Industrievereins des Kantons Bern (HIV) und erscheint seit 2012 jährlich im Herbst.


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Der Handels- und Industrieverein des Kantons Bern (HIV Kanton Bern) umfasst rund 3‘500 Mitglieder in den Bereichen Handel, Industrie, Dienstleistungen und Gewerbe. Er gliedert sich in 6 regionale Sektionen und will die Standortbedingungen für private Unternehmen im Kanton Bern verbessern. Raumentwicklung, Mobilität, Bildung, Steuern, KI und Digitalisierung sowie Bürokratie heissen seine wirtschaftspolitischen Schwerpunkte.