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      Österreichs Fachkräftemangel verschärft sich weiter und entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Risiko für Unternehmen. Gleichzeitig bleibt das Potenzial internationaler Fachkräfte vielfach ungenutzt, trotz nachweislich vorhandener Qualifikationen. Sprachliche Hürden, komplexe Anerkennungsverfahren und kulturelle Unterschiede führen dazu, dass Talente nicht dort eingesetzt werden können, wo sie dringend gebraucht werden. Für Unternehmen bedeutet das: Integration wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Gefragt sind strukturelle Lösungen, klare Prozesse und eine professionelle Begleitung, um internationales Talent wirksam einzubinden und langfristig zu halten.

      Ein Arbeitsmarkt zwischen Engpass und ungenutztem Potenzial

      Österreich befindet sich seit mehreren Jahren in einem strukturellen Fachkräftemangel, der zahlreiche Branchen und Qualifikationsstufen betrifft. Das Arbeitsmarktservice verweist auf einen dauerhaft hohen Bestand offener Stellen, insbesondere in technischen, industriellen und handwerksnahen Berufen, deren Besetzung zunehmend schwieriger wird (AMS, 2024). Für Unternehmen stellt dies eine anhaltende Belastung dar, die nicht durch kurzfristige Konjunkturzyklen erklärbar ist.

      Gleichzeitig lebt in Österreich eine große Zahl von Menschen, die ihre höchsten Bildungsabschlüsse im Ausland erworben haben und über Qualifikationen verfügen, die am Arbeitsmarkt grundsätzlich benötigt werden. Der OECD Migration Outlook 2023 zeigt, dass im OECD-Durchschnitt rund 35 bis 40 Prozent der im Ausland geborenen Personen mit tertiärer Ausbildung in Tätigkeiten arbeiten, die unter ihrem formalen Qualifikationsniveau liegen. Für Österreich weisen die zuletzt verfügbaren OECD-Daten aus den Jahren 2021 und 2022 einen vergleichsweise hohen Anteil von rund 45 Prozent aus, während die Überqualifikationsquote bei im Inland Geborenen deutlich niedriger liegt. Die OECD interpretiert diese Unterschiede nicht als Ausdruck fehlender Kompetenzen, sondern als Hinweis auf strukturelle Zugangsbarrieren, etwa bei der Anerkennung von Qualifikationen, in institutionellen Rahmenbedingungen oder in arbeitsmarktspezifischen Verfahren (OECD, 2023).

      Für Unternehmen entsteht daraus eine kritische Dynamik. Offene Positionen bleiben länger unbesetzt, bestehende Teams werden stärker belastet, und Innovations- sowie Wachstumsprozesse verlieren an Geschwindigkeit. Der Fachkräftemangel verschärft sich damit nicht nur durch fehlenden Nachwuchs, sondern auch durch ungenutztes vorhandenes Talent.

      Warum Integration über klassisches Onboarding hinausgeht

      Viele Unternehmen sehen das Potenzial internationaler Fachkräfte durchaus, unterschätzen jedoch häufig die organisatorische Tiefe und langfristige Bedeutung nachhaltiger Integrationsarbeit. Unsere Beobachtungen zeigen, dass der Fokus im operativen Alltag oft auf den unmittelbaren Effekten einzelner Maßnahmen liegt, wie etwa einer schnelleren Besetzung offener Stellen oder der kurzfristigen Entlastung bestehender Teams. Was hingegen weniger sichtbar, aber wesentlich wirkungsvoller ist, sind die mittel- und langfristigen Effekte einer systematisch gestalteten Integrationsstrategie.

      Aktuelle Studien bestätigen diesen Befund. McKinsey (2020, 2024) zeigt, dass Unternehmen mit hoher kultureller und ethnischer Diversität eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen, überdurchschnittlich profitabel zu sein. Forschungsergebnisse weisen zudem darauf hin, dass kulturelle Intelligenz und inklusives Führungsverhalten in multikulturellen Teams das Mitarbeiter:innen-Engagement und die Bindungsbereitschaft spürbar erhöhen (Presbitero, Fujimoto & Lim, 2025). Auch die Untersuchung von Ahmad et al. (2025) verdeutlicht, dass professionell gemanagte Diversität die langfristige Mitarbeiter:innenbindung stärkt. Ein Faktor, der angesichts steigender Fluktuationskosten zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die OECD (2023) unterstreicht zusätzlich, dass international ausgebildete Fachkräfte bei wirksamer Integration wesentlich produktiver eingesetzt werden können, als es aktuell vielerorts geschieht.

      Neben diesen positiven Effekten bestehen weiterhin fachliche und organisatorische Hürden. Sprachliche Anforderungen werden in der Praxis teilweise höher angesetzt, als es für die tatsächlichen Aufgaben notwendig wäre, und unbewusste Bias beeinflussen Auswahlprozesse subtil, aber messbar. Auch die Anerkennung internationaler Qualifikationen bleibt komplex. Österreich verfügt über kein einheitliches Anerkennungsverfahren. Stattdessen variieren zuständige Stellen, Abläufe und Nachweispflichten je nach Beruf, Herkunftsland und Qualifikationsart (WKO, 2023). Diese strukturelle Vielfalt kann den Prozess aus Unternehmenssicht schwer planbar machen, weil Zeitdauer und Verfahrenswege je nach Konstellation stark unterschiedlich ausfallen können.

      Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Integration kein Schönwetterthema ist, das nur in wirtschaftlich stabilen Zeiten Relevanz hat. Sie ist ein strategischer Prozess, der klare Kommunikation, nachvollziehbare Standards, kulturelle Offenheit und professionelles Changemanagement erfordert.

      Insbesondere die ersten Monate nach Arbeitsantritt sind entscheidend dafür, wie gut internationale Fachkräfte im Unternehmen aufschlagen und wirkungsvoll werden können. In dieser Phase wirken soziale und organisatorische Faktoren – wie verständliche Prozesse, klare Ansprechpartner:innen, interkulturell kompetente Führung und transparente Erwartungen – oft stärker auf die spätere Bindung als rein fachliche Aspekte. Studien belegen, dass Faktoren wie kulturelle Intelligenz, integrative Führung und ein unterstützendes Arbeitsumfeld einen nachweislich positiven Einfluss auf Engagement und Verbleib internationaler Mitarbeiter:innen haben (Presbitero, Fujimoto & Lim, 2025; Ahmad et al., 2025). Unternehmen, die diese Dynamik berücksichtigen und Integration als kontinuierliche Managementaufgabe verstehen, schaffen damit eine zentrale Grundlage für nachhaltige Performance und eine stabil aufgestellte Belegschaft.

      Wie Unternehmen Integration strategisch gestalten können

      Die entscheidenden Weichen für erfolgreiche Integration werden nicht in Formularen oder Onboarding-Unterlagen gestellt, sondern in der bewussten Gestaltung von informellen Mechanismen, die den Arbeitsalltag prägen. Genau hier entsteht für viele Unternehmen eine strategische Lücke. Internationale Fachkräfte bringen Fachwissen mit und scheitern selten an der Aufgabe selbst, sondern am Zugang zu jenen Netzwerken, Routinen und ungeschriebenen Regeln, die bestimmen, wie eine Organisation tatsächlich funktioniert.

      Für Führungsebenen ist das kein operatives Detail, sondern eine Frage der organisationalen Steuerungsfähigkeit. Informelle Netzwerke, implizite Entscheidungslogiken und etablierte Kommunikationsmuster beeinflussen maßgeblich, wie schnell neue Mitarbeiter:innen wirksam werden können. Werden sie nicht strukturiert eingebunden, entstehen Reibungsverluste, die sich unmittelbar auf Produktivität, Time to Performance und das Risiko frühzeitiger Abgänge auswirken. Die Forschung zeigt, dass Zugehörigkeit und Zugang zu relevanten Netzwerken zentrale Treiber für Engagement und Verbleib internationaler Mitarbeiter:innen sind (Presbitero, Fujimoto und Lim, 2025; Ahmad et al., 2025).

      Informellen Dynamiken steuerbar machen

      Gerade weil informelle Dynamiken schwer sichtbar sind, brauchen Unternehmen Daten, um sie gezielt zu managen. Moderne HR-Analytics kann aufzeigen, wer in der Organisation früh Zugang zu Projekten, Entscheidungsarenen und informellen Wissensflüssen erhält und wer systematisch außen vor bleibt. Netzwerk- und Kollaborationsanalysen – auch Organizational Network Analysis (ONA) genannt – machen sichtbar, welche Personen im Zentrum oder am Rand der informellen Struktur stehen und ob internationale Fachkräfte dort ankommen, wo sie Wirkung entfalten können.

      Solche Daten zeigen nicht nur blinde Flecken auf, sondern liefern Führungskräften eine objektive Entscheidungsgrundlage. Wo stockt die Zusammenarbeit? Wo entstehen Silos? Welche Teams integrieren neue Kolleg:innen schnell und welche nicht? Sie helfen auch dabei, implizite Normen zu identifizieren, die im Alltag Zugang, Einfluss oder Informationsflüsse steuern, oft ohne formale Absicht.

      Daten können zudem belegen, wie lang internationale Fachkräfte benötigen, um produktiv zu werden, wo Kommunikationsabbrüche entstehen oder in welchen Bereichen sie seltener in Schlüsselprojekte eingebunden werden. Damit liefern Analytics nicht nur eine Diagnose, sondern auch konkrete Steuerungsimpulse. Dazu gehören die Anpassung von Verantwortlichkeiten, die Öffnung von Netzwerken, transparente Projektzuweisungen oder strukturierte Entscheidungsprozesse. Unternehmen, die diese Daten nutzen, beschleunigen Lernkurven und reduzieren jene verdeckten Reibungsverluste, die den Integrationsprozess sonst teuer und langwierig machen.

      Die Rolle der Führung und die Bedeutung von Zugehörigkeit

      Führung setzt die informellen Normen, die den größten Einfluss auf Teamverhalten, Kommunikationskultur und Zusammenarbeit haben. Dazu gehören klare Erwartungsbilder, transparente Entscheidungswege und der aktive Umgang mit unterschiedlichen Arbeits- und Kommunikationsstilen. Zugehörigkeit wird damit zum betriebswirtschaftlichen Faktor.

      Internationale Fachkräfte entfalten ihr Potenzial dann, wenn sie früh Zugang zu relevanten Projekten, Entscheidungsarenen und informellen Wissensflüssen erhalten. Erfolgt dies nicht, verlängern sich Einarbeitungszeiten, die Zusammenarbeit wird ineffizient und Konflikte bleiben verdeckt. Die ILO (2022) betont, dass nachhaltige Integration vor allem dort gelingt, wo Organisationen soziale Praktiken konsequent gestalten, etwa wie Entscheidungen getroffen, Fehler adressiert oder Verantwortung verteilt wird.

      Gerade im Onboarding internationaler Fachkräfte in bestehende, kulturell homogene Teams zeigt sich: Wer dazugehört und wer außen vor bleibt, entscheidet sich in unausgesprochenen Codes, etwa bei der Beteiligung an Diskussionen, der Deutung von Leistung oder dem Zugang zu Einflussräumen.

      Führungskräfte sind gefordert, diese gruppendynamischen Prozesse nicht zu übersehen, sondern aktiv zu moderieren: durch klare Rollenklärung, gezielte Integration in informelle Netzwerke und das Sichtbarmachen unausgesprochener Konfliktlinien. Nur wenn diese sozialen Prozesse bewusst gestaltet werden, kann Teilhabe tatsächlich erlebt und Integration wirksam werden. Damit wird klar: Informelle Dynamiken sind kein weicher Faktor, sondern der Kern nachhaltiger Integration. Unternehmen, die sie strategisch und datenbasiert steuern, stärken Bindung, Geschwindigkeit und Innovationskraft und schließen damit eine oft übersehene Flanke in ihrer Organisationsarchitektur.

       

      Konkrete Handlungsempfehlungen für Führungskräfte:

      1.     Führung aktiv als Gestaltungshebel für Zugehörigkeit nutzen

      Führungskräfte sollten die sozialen Bedingungen, unter denen Zugehörigkeit entsteht, bewusst steuern. Dazu gehört eine regelmäßige Selbstbeobachtung des eigenen Führungsverhaltens mit Fokus auf informellen Zugang. Wer wird frühzeitig eingebunden, wer bleibt außen vor. Ebenso wichtig ist die kritische Reflexion des eigenen Verständnisses von professionellem Verhalten, da kulturell geprägte Erwartungen unbewusst Exklusion erzeugen können. Systematisches Selbstmonitoring und kollegiales Sparring helfen, implizite Ausschlussmuster sichtbar zu machen und gezielt gegenzusteuern.

      2.     Zugehörigkeit auf Teamebene systematisch organisieren
      Zugehörigkeit darf nicht als gegeben angenommen werden, sondern muss aktiv hergestellt werden. Führungskräfte sollten Rollen, Sichtbarkeit und Verantwortung so gestalten, dass internationale Fachkräfte frühzeitig als kompetente Akteur:innen wahrgenommen werden. Strukturierte Moderation von Meetings trägt dazu bei, kommunikative Ungleichgewichte auszugleichen und Beiträge unabhängig von Sprachsicherheit oder kultureller Prägung zu berücksichtigen. Der gezielte Zugang zu informellen Netzwerken sollte organisiert werden, etwa durch Shadowing-Formate oder Tandemmodelle mit Schlüsselpersonen.

      3.     Latente Konfliktlinien frühzeitig bearbeiten
      Integration erfordert die bewusste Auseinandersetzung mit Spannungen, die im Arbeitsalltag oft unausgesprochen bleiben. Regelmäßige Retrospektiven sollten daher nicht nur Prozesse, sondern auch soziale und kulturelle Dynamiken adressieren. Explorative Fragen zur Zusammenarbeit helfen, implizite Regeln sichtbar zu machen und systemische Konfliktlinien zu bearbeiten, bevor sie sich in Leistungsproblemen oder erhöhter Fluktuation niederschlagen.

      4.     Integration organisatorisch verankern und messbar machen
      Auf organisationaler Ebene sind Transparenz und Verlässlichkeit zentrale Steuerungsgrößen. Klare Kriterien für Projektvergaben, Entwicklungsmöglichkeiten und Verantwortlichkeiten schaffen Orientierung. Integrationsziele sollten im Performance-Management verankert werden, etwa über Zielvereinbarungen, die den erfolgreichen Kompetenzaufbau und die wirksame Einbindung neuer Teammitglieder berücksichtigen. Führung wird zur strategischen Funktion, wenn Teilhabe nicht dem Zufall überlassen, sondern systematisch operationalisiert wird.

      5.     Führungskompetenz im Umgang mit sozialen Dynamiken gezielt entwickeln
      Unternehmen sollten gezielt in die Weiterentwicklung ihrer Führungskräfte investieren, insbesondere im Umgang mit gruppendynamischen Prozessen. Trainings zu mikroaggressiven Mustern, subtilen Hierarchiewirkungen und Machtasymmetrien schärfen die Wahrnehmung für informelle Strukturen, die den Arbeitsalltag prägen. Ziel ist es, Führungskräfte in die Lage zu versetzen, soziale Dynamiken aktiv zu steuern und Vielfalt in Leistung zu übersetzen. Denn gerade implizite Regeln, stille Erwartungen und emotionale Resonanzen entscheiden darüber, ob Integration wirksam wird und zur organisationalen Resilienz und Innovationsfähigkeit beiträgt.

      Fazit: Integration ist ein strategischer Geschäftshebel

      Der Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt deutlich, dass Unternehmen den Fachkräftemangel nicht allein durch Rekrutierung lösen werden. Internationales Talent ist vorhanden, doch sein Potenzial bleibt vielerorts ungenutzt, weil organisatorische Strukturen und informelle Dynamiken noch nicht darauf ausgerichtet sind, diese Kompetenzen wirksam einzubinden. Genau hier entscheidet sich künftig Wettbewerbsfähigkeit.

      Unternehmen, die Integration als strategische Führungsaufgabe begreifen, sichern sich gleich mehrere Vorteile. Sie verkürzen Time to Performance, reduzieren Fluktuationsrisiken, erhöhen Innovationsfähigkeit und stärken ihre interne Stabilität. Zentrale Erfolgsfaktoren dafür sind Transparenz, klare Entscheidungswege und der bewusste Umgang mit jenen informellen Mechanismen, die die tatsächliche Funktionsweise einer Organisation bestimmen. Daten liefern dabei die Grundlage, um diese Dynamiken sichtbar zu machen und gezielt zu steuern, statt auf Erfahrungswissen oder Einzelbeobachtungen angewiesen zu sein.

      Damit wird Integration zu weit mehr als einem sozialen Anliegen. Sie ist ein struktureller Hebel, der darüber entscheidet, ob internationale Fachkräfte im Unternehmen ihr Potenzial entfalten können oder ob Know-how ungenutzt bleibt. Angesichts des wachsenden Arbeitskräftemangels ist das kein Randthema, sondern ein zentraler Bestandteil verantwortungsvoller und zukunftsfähiger Unternehmensführung.

      Unternehmen, die heute in eine strategische und datenbasierte Integrationsarchitektur investieren, schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Talent nicht nur gefunden, sondern auch gehalten und entwickelt wird. Sie sichern sich damit einen Vorsprung, der sich unmittelbar in Leistungsfähigkeit, Innovationskraft und nachhaltigem Wachstum niederschlägt.

      Autor:in

      Eva Milgotin

      Managerin, Sustainability Services, KPMG Austria

      Jacob Schwarz

      Manager, Finance & People, KPMG Austria

      Dimensionen – das KPMG Wissensportal

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