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      Sarah Spiekermann leitet seit 2009 das Institut für Wirtschaftsinformatik & Gesellschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Sie forscht, lehrt und schreibt zu digitaler Ethik und wertebasierter IT-Innovation. Als Leiterin der Entwicklung des ersten globalen Standards für ethisches IT-Design (ISO/IEEE 24748-7000) (2016-2021) prägte sie das sogenannte „Value-based Engineering“, zu dem 2023 ihr gleichnamiges Lehrbuch erschien. Spiekermann ist außerdem Gründerin der VBE Academy, die international Fachleute im Bereich ethischer KI-Innovation ausbildet, sowie der Future Foundation, ein interdisziplinäres Forum zur Sicherung der Menschenwürde in der digitalen Welt. Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe Ladies‘ Talk diskutierte sie die zentralen Fragen der digitalen Ethik, die in Zeiten des rasanten technologischen Fortschritts besondere Aufmerksamkeit verdienen.

      Frau Spiekermann, wie wichtig ist digitale Ethik in der heutigen Zeit?

      Digitalisierung hat unser Leben aufgewühlt und fließt mittlerweile in jeden Lebensaspekt hinein – wie wir kommunizieren, wie wir unsere Arbeitswelt und unser Familienleben gestalten, wohin wir auf Urlaub fahren, wie wir Medizin leben, welche Wahlen wir treffen – politisch genau wie beim täglichen Supermarkteinkauf. Die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen. Es gibt kaum noch einen Bereich, der nicht von diesem digitalen Stoff durchwoben ist. Die digitale Transformation beschleunigt das Leben durch permanente Erreichbarkeit und als Gesellschaft fällt es uns schwer, damit fertig zu werden. Wir müssen uns fragen, wie wir Technik gestalten wollen, dass sie uns stärkt, anstatt zu schwächen. KI hilft uns dabei, über uns selbst hinauszuwachsen, aber Chatbots sollten uns nicht dümmer machen. Die Technik soll vom ersten Moment der Konfiguration dazu dienen, den Menschen zu stärken. 

      Sie sind Mitbegründerin der Future Foundation,die „Zehn Regeln für die digitale Welt“ aufgestellt hat. Was ist das Ziel dahinter und können Sie ein Beispiel nennen?

      Die Future Foundation ist ein Zusammenschluss von 16 Wissenschaftler:innen und Autor:innen aus 13 Fachbereichen und 11 Universitäten. Gemeinsam haben wir uns zum Ziel gesetzt, die digitale Transformation aktiv und verantwortungsvoll mitzugestalten. Dabei stehen Werte, Prinzipien und Ethos im Mittelpunkt.
      Regel Nummer 10 lautet beispielsweise „Verhindert Machtkonzentration und garantiert Teilhabe.“ Hierbei geht es auch um die digitale Souveränität Europas. Momentan gibt es massive Machtasymmetrien in den Bereichen Cloud und KI. Da wir uns erst am Anfang der Digitalisierung befinden, haben wir aber noch einen Handlungsspielraum. Den gilt es schnellstmöglich zu nutzen: Wir müssen den Rückstand in Europa jetzt aufholen. Das heißt, Investitionen in eine europäische Cloud priorisieren, dezentrale KI-Modelle aufbauen und kleinere europäische Firmen fördern. 

      Regel Nummer 9 besagt „Nutzt Maschinen nicht, um die Freiheit Anderer zu untergraben.“ und Regel Nummer 6 „Behandelt Menschen nicht als bloße Datenobjekte.“ Wieso sind diese beiden Regeln so wichtig in der modernen Arbeitswelt?

      Zentral ist immer die Wahrung der Menschenwürde. Wir nutzen Digitalisierung tagtäglich, um bestimmte Wünsche zu erfüllen, setzen sie aber leider auch zur Unfreiheit anderer ein, etwa durch gegenseitige Überwachung, die durch Digitalisierung leichter ist als je zuvor. Auch in Unternehmen ist man versucht, die Mitarbeitenden im Homeoffice zu überwachen. Das greift in die neunte Regel ein. Dadurch reduzieren wir die Mitarbeitenden zu bloßen Datenobjekten, was wiederum gegen Regel 6 verstößt. Digital Twins, die in modernen Industrien immer häufiger eingesetzt werden, sind ebenfalls eine Reduktion, die der Menschenwürde nicht gerecht wird und zudem das Vertrauen der Menschen in die Technik untergräbt.

      Viele Menschen verspüren bei diesen Themen Ohnmacht. Welchen Spielraum haben wir als Individuen?

      Die zehn Regeln bieten ein Framework, wie wir in einer sich rasant verändernden Welt für Impact sorgen können. Jede:r einzelne von uns sollte sich bewusst machen, für welche Werte man steht, wer man selbst sein möchte. Im nächsten Schritt müssen wir versuchen, uns an diesen Werten zu orientieren. Gerade für junge Menschen, die Digital Natives, ist es aber wichtig zu verstehen, dass Digitalisierung nicht alles ist. Sie sind nichts anderes gewöhnt und können sich das vielleicht schwerer vorstellen. Aber wir brauchen immer noch zwischenmenschlichen Kontakt, echte physische Interaktion miteinander. Diese Qualitäten wird keine KI je ersetzen können. Legt man die zehn Regeln auf Bildung um, bin ich bspw. für ein Verbot von Smartphones bis zum sechzehnten Lebensjahr und von Social Media bis zum achtzehnten. KI sollte auch auf Universitäten nicht so einfach zugänglich sein.

      Was ist Value-based Engineering und wie kommt es in Unternehmen zum Einsatz?

      Beim Value-based Engineering fragen wir uns, welche Wertpotenziale wir mit einer gegebenen Technik realistischerweise entfalten können, und bauen das Produkt anschließend nach diesen Wertzielen auf. Was ist der Purpose dahinter? Das ist ein ISO-Qualitätsstandard für IT, der über Effizienz weit hinausgeht. Die Stadt Wien hat bspw. Value-based Engineering in ihre Strategie mitaufgenommen. Bis 2030 sollen Projekte anhand dieses Verfahrens ausprobiert werden, z. B. im Bereich der eGovernment-Prozesse (siehe auch ISO/IEC/IEEE 24748-7000).

      Wie kann man Werte in finanzielle Kennzahlen „umgießen“, sodass für Unternehmen ein Anreiz besteht?

      BWL und VWL haben einen veralteten und limitierten Begriff von „Wert“ und Wertschöpfung. Diesen müssen wir umdefinieren und an ein realistischeres Wertedenken anpassen. Unser Wertebegriff kann nicht mehr nur „willingness to pay“ sein. Unternehmen brauchen zwar einen gesunden Gewinn, damit ihr langfristiges Bestehen gesichert ist, Geld muss aber auch im Unternehmen reinvestiert werden in „gute“ Innovation, die das Sozialgefüge im Unternehmen stärkt – auch wenn die Konsequenz daraus vielleicht ein bisschen weniger Gewinn ist. Momentan erleben wir einen Zusammenbruch der Wertschöpfungsketten und die Welt wird gewissermaßen geläutert. Wir sollten also weise Führungskräfte sein, die Unternehmen nach anderen Kennzahlen führen.

      Was macht uns wirklich weise? Gibt es Gegentrends und Grenzen des Wachstums?

      Wir haben uns in der digitalen Transformation verrannt und viele unserer Werte blindlings für Effizienz durch IT aufgegeben. Langfristig brauchen wir aber eine Kombination von Mensch und Maschine. Analoges und Digitales müssen gemeinsam gedacht werden und uns muss auch bewusst sein, wo Analoges dem Digitalen überlegen und daher zu bevorzugen ist. Ratio (die rechnende Vernunft) ist nur ein Aspekt von Intelligenz, der andere ist, dass man etwas versteht, einordnen kann, wesentlich von unwesentlich trennen und intuitiv priorisieren kann. Wir Menschen sind überlegen im ganzheitlichen Denken. Computer sind in geschlossenen Systemen sehr gut, die Welt ist aber ein offenes System und das kann nur ein bewusstes Wesen wirklich erschließen. In diesem Punkt werden uns die Maschinen niemals folgen können. 

      Das Interview führte
      Lisa Kannonier

      Corporate Communications

      KPMG Austria

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