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      Cyberangriffe, Desinformation, hybride Bedrohungen sind längst keine Science Fiction mehr. Die aktuellen Risikobewertungen führender nationaler und internationaler Institutionen zeigen ein konsistentes Bild: Cyberrisiken, geopolitische Spannungen und die Fragmentierung von Informationsräumen verstärken sich gegenseitig und entwickeln sich zu strukturellen Belastungsfaktoren für Staaten, Unternehmen und Gesellschaften. Digitale Risiken sind keine isolierten IT-Probleme, sondern systemrelevante Faktoren politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stabilität.

      Globale Risikodynamik: Cyber, Geopolitik und fragmentierte Ordnungen

      Der Global Risks Report 2026 des World Economic Forum zeigt, wie stark sich geopolitische Spannungen, disruptive Technologien und fragmentierte Informationsräume gegenseitig verstärken. Cyberrisiken, Informations- und Datenmanipulation, KI-gestützte Angriffe und gezielte Desinformationskampagnen werden als zentrale Treiber langfristiger Instabilität beschrieben – nicht als Nebenschauplatz der IT, sondern als Kernfrage politischer und wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit.

      Im Bericht wird deutlich, dass Staaten und Unternehmen zunehmend in einer Umgebung agieren, in der klassische Sicherheitslogik („Konflikt“ vs. „Frieden“) nicht mehr ausreicht. Langfristige Risiken wie Erosion multilateraler Kooperation, geopolitische Blockbildung, technologische Entkopplung und Systemwettbewerb verschmelzen mit kurzfristigen Schocks, von Konflikten über Energie- und Lieferkettenkrisen bis hin zu gesellschaftlicher Polarisierung, die online verstärkt und instrumentalisiert wird.

      Österreichisches Risikobild 2026: Das „Ende der Ordnung“ auch vor unserer Haustür

      Während der Bericht des World Economic Forum die globale Makroperspektive liefert, übersetzt die Analyse Risikobild 2026 – Ende der Ordnung? des Österreichischen Bundesheeres diese Entwicklungen sehr klar in eine österreichische und europäische Realität. Im Fokus stehen die fortdauernde Konfrontation zwischen Russland und dem Westen, der anhaltende Krieg in der Ukraine, eine instabile Nachbarschaft der EU von Nahost bis Nordafrika, Migrationsdruck, wirtschaftlicher Protektionismus sowie die Zunahme von Cyberangriffen, Informationsoperationen und kognitiver Kriegsführung.

      Das Risikobild macht deutlich, dass Sicherheit für Österreich keine „Hintergrundkonstante“ mehr ist, sondern eine gesamtstaatliche Daueraufgabe. Es betont die Notwendigkeit, Resilienz zu stärken, kritische Infrastrukturen abzusichern, Fähigkeiten zur Cyberabwehr auszubauen und Österreich, eingebettet in europäische Strukturen, auf eine Ära vorzubereiten, in der Störungen, Angriffe und Drucksituationen eher die Regel als die Ausnahme sind.


      Hybride Bedrohungen, Informationsräume und digitale Souveränität

      Sowohl die Ergebnisse des World Economic Forum als auch das Risikobild 2026 des Österreichischen Bundesheeres unterstreichen, dass künftige Konflikte selten rein militärisch sein werden. Hybride Bedrohungen verbinden klassische Mittel, etwa militärischen Druck oder wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen, mit Cyberoperationen, Angriffen auf kritische Infrastrukturen, Instrumentalisierung von Migration, Sabotage und der systematischen Beeinflussung von Wahrnehmung und öffentlicher Meinung.

      Cyberangriffe auf Energieversorgung, Transport, Gesundheitswesen oder Finanzsysteme sind dabei nicht nur technische Incidents, sondern Hebel, um Vertrauen in Institutionen, Märkte und demokratische Prozesse zu erschüttern. Gleichzeitig werden Informationsräume zunehmend zu eigenständigen Operationsgebieten: Desinformation, Deepfakes, koordinierte Kampagnen, das gezielte Ausnutzen von Polarisierung und Verschwörungsnarrativen zielen darauf ab, Entscheidungsprozesse zu verlangsamen, Gesellschaften zu spalten und ihren Widerstandswillen zu schwächen.

      Digitale Souveränität, also die Fähigkeit Europas, zentrale digitale Infrastrukturen, Datenräume, Plattformen, KI-Systeme und Verschlüsselungs- sowie Cloud-Technologien eigenständig zu gestalten, zu regulieren und zu schützen, wird damit zu einer sicherheits- und geopolitischen Schlüsselressource. Sie entscheidet mit darüber, ob Europa und Staaten wie Österreich im technologischen Systemwettbewerb Gestalter werden oder Objekt von Entscheidungen anderer bleiben.

      Was bedeutet das für Staaten, Unternehmen und Gesellschaft

      Aus der Zusammenschau dieser Analysen lassen sich einige strategische Linien ableiten:

      • Staaten müssen Verteidigungsfähigkeit und Resilienz neu denken, also auch Cyberkräfte, Schutz kritischer Infrastrukturen, Krisenkommunikation und robuste, vertrauenswürdige Informationsräume mitdenken.
      • Europa steht vor der Aufgabe, digitale Souveränität nicht nur zu proklamieren, sondern technologisch, industriell und regulatorisch zu untermauern, von Cloud- und Dateninfrastrukturen über Halbleiter bis hin zu sicheren Kommunikationsnetzen.
      • Unternehmen sollten Cybersecurity, geopolitisches Risiko, Compliance, Business Continuity und Krisenmanagement nicht mehr als getrennte Silos begreifen, sondern als integriertes Steuerungsinstrument. Das umfasst auch die kritische Prüfung von Lieferketten, Technologieabhängigkeiten und Dienstleistern.
      • Gesellschaften brauchen eine neue „Resilienzkompetenz“: Medien- und Informationskompetenz, Widerstandsfähigkeit gegen Desinformation, Vertrauen in belastbare Institutionen – und die Bereitschaft, Sicherheit als gemeinsames Projekt zu verstehen, nicht als reinen Staatsservice.

      Möglichkeiten und Chancen in schwierigen Zeiten

      Bei all der Dichte der Risiken ist das Jahr 2026 kein Jahr der Ohnmacht, sondern ein Jahr seltener Gestaltungschancen. Wir verfügen in Europa nach wie vor über starke Institutionen, hohe Innovationskraft, eine ausgeprägte regelbasierte Ordnung und wachsende sicherheitspolitische Sensibilität. Wir alle – Unternehmen, die öffentliche Verwaltung und die Zivilgesellschaft – können diese Phase nutzen, um

      • Sicherheitsarchitekturen und Krisenprozesse grundlegend zu modernisieren,
      • Vorstände und Aufsichtsräte systematisch in Cyber-, Geo- und Technologierisiken einzubinden,
      • Resilienz nicht nur als Kostenfaktor, sondern als Wettbewerbsvorteil zu begreifen.

      Gerade jetzt haben wir die Möglichkeit, gezielt in Fähigkeiten, Personal, Forschung und strategische Technologien zu investieren, statt ausschließlich reaktiv auf die nächste Krise zu antworten.

      Robert Lamprecht

      Partner, Advisory / Cybersecurity, Wien

      KPMG Austria

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