Automatisierung und Echtzeitüberblick
Gerade in unruhigen Zeiten und einer wechselhaften Umgebung ist ein zeitnaher und vollständiger Überblick über die Risikosituation für eine effektive Steuerung unerlässlich – das gilt für alle finanziellen Risiken im Treasury. Durch die verbesserten Möglichkeiten im Datenaustausch und der Systemvernetzung können mit moderatem Aufwand alle Positionen des Unternehmens an einer zentralen Stelle zusammengefahren werden, typischerweise im Treasury Management System oder einer Data Warehouse/Data Lake – Lösung. Neben hauseigenen Daten werden auch die verwendeten Marktdaten (z.B. Rating oder CDS Spreads) benötigt.
Mit Hilfe von BI-Lösungen, die heute zum Teil direkt in den Systemen integriert sind oder, wenn es sich um separate Anwendungen handelt, zumindest eine einfache Systemanbindung ermöglichen, können interaktive Dashboards mit den zentralen Übersichten zum Kontrahentenrisiko aufgebaut werden. Je nach Systemlandschaft kann hier ein zumindest tagesaktueller Überblick erreicht werden oder sogar ein Überblick in Echtzeit, bei dem veränderte Limite oder die Limitauslastung sofort sichtbar sind und untertägige Informationen wie neu getätigte Geschäfte, veränderte Kurse oder Intraday-Kontoauszüge mit einfließen. Die Datenflüsse selbst können dabei weitestgehend automatisiert werden, um manuelle Aufwände in hoher Frequenz zu vermeiden.
Neben der deutlich erhöhten Transparenz über die Risiken, die eine geschäftsnahe Steuerung der Kontrahentenrisiken erlaubt, ermöglicht ein solcher Ansatz auch die einfachere Analyse von Entwicklungen z.B. in Form von Betrachtungen der Veränderungen über die Zeit und bildet die Grundlage für weitere Schritte.
Implementation von Frühwarnindikatoren
Klassische Limit-Systeme ermitteln das Limit basierend auf Bonitätseinstufungen von Ratingagenturen. Eine damit verbundene Schwierigkeit ist der abweichende zeitliche Horizont. Rating-Agenturen passen ihre Beurteilung eher langsam an und legen einen Fokus auf die mittel- bis langfristige Bonität aus einer Portfolioperspektive. Das Kontrahentenrisiko betrachtet typischerweise kurzfristige Anlagen in einer Einzelbetrachtung jedes Kontrahenten.
Die Einbindung von Frühwarnindikatoren im Kontrahentenrisiko zielt auf die Unterschiede ab: Ausgehend vom eigentlichen Rating werden zusätzliche Informationen in der Limit-Bestimmung berücksichtigt, die auf kurzfristige, im Rating noch nicht berücksichtigte Veränderungen der Kreditwürdigkeit abzielen.
Während im Kunden- und Lieferantenverhältnis das Zahlungsverhalten ein wichtiger Indikator ist, gestaltet sich die Auswahl bei finanziellen Kontrahenten deutlich schwieriger. Ein möglicher Ansatz ist hier die Verwendung textueller Informationen aus Online-Nachrichten und Newstickern. Für eine erfolgreiche Umsetzung muss dabei sowohl der automatisierte Abgriff der relevanten Nachrichten also auch eine strukturierte Ableitung eines Indikatorwertes und die Berücksichtigung im Limit-System entwickelt werden.
Eine weitere interessante Option bildet hier die Berücksichtigung von Credit Default Swap Spreads, die für die meisten größeren finanziellen Kontrahenten verfügbar sind und eine Marktmeinung über die Wahrscheinlichkeit eines Kreditausfalls widerspiegeln. Da die Spreads auf standardisierten, marktgehandelten Produkten basieren, reagieren sie in der Regel schnell auf neue Informationen und Ereignisse, die das Kreditrisiko beeinflussen können. Auch wenn CDS Spreads wegen der begrenzten Marktliquidität keine perfekte Risikoprämie darstellen, sind sie gute Frühwarnindikatoren und eine gute Ergänzung zu Bonitätsratings.
Dynamische Limite zur verstärkten Diversifikation
Ein gewünschter Nebeneffekt von Limit-Systemen ist die Diversifikation des Anlageportfolios. Da an effizienten Kapitalmärkten diversifizierbare Einzelrisiken nicht belohnt werden, ist eine Verteilung des Anlagebetrages auf verschiedene Kontrahenten sinnvoll.
In einem statischen Limit-System, bei dem die Limite regelmäßig, aber in größeren Abständen, überarbeitet werden, treten häufig Situationen auf, in denen die Limite deutlich zu groß oder deutlich zu klein für die bestehenden Position sind. Während zu kleine Limite über entspreche Eskalations- bzw. Ausnahmeprozesse zeitnah aufgelöst werden, besteht bei zu großen Limiten kein unmittelbarer Handlungsdruck – allerdings entfällt damit auch die Steuerungswirkung.
Ein dynamischer Limit-Ansatz zielt auf ein flexibles und reaktionsfähiges System ab, das in der Lage ist, sich an veränderte Marktbedingungen anzupassen. Dies wird erreicht, indem Limite nicht mehr nur von der Bonität der Kontrahenten abhängen, sondern weitere Faktoren wie das Gesamtvolumen einer Anlage oder Marktvolatilitäten berücksichtigt werden.
Für eine erfolgreiche Umsetzung ist neben der Spezifikation der genauen Dynamisierungslogik eine gute Automatisierung der Positionsermittlung und der Risikobewertung notwendig, also eine Abbildung in adäquaten Systemen.
Dynamische Limite können dabei wahlweise als Ersatz oder als Ergänzung für klassische, statische Limite verwendet werden.