Identity Governance steht zunehmend vor der Aufgabe, bereichs- und systemübergreifend Transparenz über Identitäten und Zugriffsrechte herzustellen, Risiken frühzeitig zu erkennen und wirksame Maßnahmen abzuleiten.
Während sich klassische Governance- und Administrationslösungen auf Workflows (Steuerung von Genehmigungs- und Prozessabläufe rund um Zugriffe) und Provisionierung (technische Umsetzung) konzentrieren, liefert ein moderner Visibilitäts- und Intelligence-Ansatz einen ganzheitlichen Überblick und identifiziert Lücken wie z. B. Schattenkonten oder verwaiste Rechte. Daten aus unterschiedlichen Quellen werden zügig angebunden, Berechtigungen konsolidiert und verständlich aufbereitet. Analytik und KI unterstützen dabei, Auffälligkeiten zu erkennen und Bereinigungen risikoorientiert zu priorisieren – und zwar domänenübergreifend über Governance-, privilegierte Zugriffe und nicht‑menschliche Identitäten hinweg.
Typische Herausforderungen in der Praxis
Häufig werden Identitäten und Rechte zentral verwaltet, ohne den fachlichen Kontext ausreichend abzubilden. Rechte werden nach dem Muster „wie bisher“ vergeben, statt bedarfsgerecht. Gleichzeitig leidet die Datenqualität: Beschreibungen sind unklar, Bezeichnungen schwer nachvollziehbar und Risikokennzeichnungen fehlen. Unter diesen Voraussetzungen verlieren Rezertifizierungen an Wirkung, da Verantwortliche aus Sorge vor Beeinträchtigungen vieles vorschnell bestätigen. Wirksame Governance setzt daher die Befähigung der Fachbereiche, klare Verantwortlichkeiten und verständlich dokumentierte Rechte voraus.
Paradigmenwechsel: Von Silos zur Gesamtansicht
Sichtbarkeit ist die Basis, um Joiner‑/Mover‑/Leaver‑Prozesse schneller und granularer über Rollenmodelle zu steuern, SoD‑Konflikte (Segregation‑of‑Duties) in Geschäftsanwendungen zu erkennen, Verstöße gegen PAM‑Richtlinien separat zu überwachen und die Dokumentation prüfungsfest zu gestalten. Anstelle verstreuter Office‑Dokumente und Wiki‑Seiten braucht es belastbare, gepflegte Nachweise. Assistenzfunktionen, auch KI‑gestützt, können hier die Erstellung und Aktualisierung sinnvoll unterstützen.
ERP‑Landschaften gezielt integrieren
Geschäftskritische ERP‑Umgebungen werden organisatorisch oft separat geführt und bleiben im zentralen Programm mitunter außen vor. Fachlich ist eine Integration aber möglich und sogar sinnvoll, insbesondere wenn Rollen und Basisberechtigungen in ein gemeinsames Modell überführt werden. KI kann bei der Datenanreicherung und bei verständlichen Beschreibungen helfen – zentral ist aber auch hier der „Human-in-the-Loop“-Ansatz: Entscheidungen über Zugriffe sollten weiterhin von verantwortlichen Personen getroffen werden. Für Haftung und operatives Risikomanagement ist dies essenziell, denn automatisierte Maßnahmen als Reaktion auf Falschalarmen können Schaden verursachen.
Machine Identities (NHIs) sicher steuern
Mit zunehmendem KI‑Einsatz steigt die Zahl von Servicekonten, Bots, API‑Identitäten und Agenten. Im Fokus stehen dabei eine zuverlässige Erkennung, da solche Identitäten dezentral und teils temporär entstehen, sowie eine skalierbare Governance, die Delegationsmodelle zwischen Menschen und Agenten berücksichtigt, minimal ausgestaltete und überprüfbare Berechtigungen sicherstellt und klare Zuständigkeiten definiert. Bewährte Mechanismen wie Access Reviews, Self‑Services und Richtlinien lassen sich übertragen, müssen jedoch auf die Besonderheiten dieser Identitäten zugeschnitten werden. Ohne klare Sicht droht Wildwuchs.
Regulatorik und prüfungsfeste Nachweise
Der Handlungsdruck durch regulatorische Anforderungen steigt. Technisch ist vieles umsetzbar, die Herausforderung liegt in der sinnvollen Implementierung: Verantwortlichkeiten müssen festgelegt, Rechte verständlich dokumentiert und Rezertifizierungen wirksam gestaltet sowie prüfungsfest nachgewiesen werden. Grundlage ist ein konsistentes Berechtigungskonzept für Anwendungen, das Rechte, deren Wirkung und Risiken beschreibt, Zielgruppen und Ausschlüsse definiert und konsistente Anwendungsrollen vorsieht. Je stärker Systeme angepasst sind, desto wichtiger sind Aktualität und Belastbarkeit der Dokumentation, zumal Prüfstellen hier strenge Maßstäbe anlegen.
Wirtschaftliche Hebel durch Transparenz
Die Transparenz über Rechte und deren tatsächliche Nutzung ermöglicht es, ungenutzte Zugriffe zu identifizieren und Lizenzkosten zu senken, insbesondere dort, wo erweiterte Berechtigungen Zusatzlizenzen auslösen. Nutzungsdaten aus System‑Logs oder Identity‑Providern ergänzen die Governance‑Sicht und unterstützen fundierte Entscheidungen.
Empfehlungen für ein ganzheitliches Vorgehen
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