Technologisch sind viele Unternehmen bestens aufgestellt. Doch bei einer entscheidenden Frage herrscht noch zu oft Schweigen: Wie souverän sind wir eigentlich im digitalen Raum?
Was bedeutet digitale Souveränität?
Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit von Unternehmen, selbstbestimmt, sicher und unabhängig in allen digitalen Belangen zu handeln. Es geht nicht nur um den souveränen Umgang mit digitalen Medien, sondern auch um die Kompetenz, sich mit relevanten Sicherheitsaspekten und möglichen Risiken auseinanderzusetzen.
Drei zentrale Dimensionen
1. Datenschutz und Datenkontrolle
- Kontrolle über die eigenen Unternehmensdaten
- Einhaltung europäischer Datenschutzstandards (DSGVO)
- Transparenz über Datenverarbeitung und -speicherung
2. Cybersicherheit
- Schutz vor digitalen Bedrohungen
- Sichere IT-Infrastrukturen
- Resilienz gegenüber Cyberangriffen
3. Strategische Unabhängigkeit
- Reduzierung von Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern
- Diversifizierung der Technologiepartner
- Aufbau eigener digitaler Kompetenzen
Der Status quo: Deutschland im Spannungsfeld
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut einer aktuellen Bitkom-Studie importieren 96 Prozent der deutschen Unternehmen digitale Technologien und Services, aber nur ein Viertel tritt international als Anbieter auf. Unsere aktuelle Studie zur generativen KI unterstreicht diese Entwicklung: 91 Prozent der Unternehmen betrachten den Einsatz generativer KI als wichtiges Element für ihr Geschäftsmodell – ein Anstieg um 36 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr. Das zeigt, dass der Einsatz von KI längst von zentraler Bedeutung ist, aber viele Unternehmen sich hierbei noch auf Fremdanbieter verlassen.
Die Hauptsorgen im Überblick:
- Ethische Herausforderungen: 68 Prozent der Unternehmen sehen diese als größte Hürde bei der KI-Implementierung.
- Sicherheits- und Compliance-Anforderungen: 52 Prozent beklagen unzureichende Standards.
- Fehlende europäische Alternativen: Besonders im KI-Bereich vermissen Unternehmen nutzbare Lösungen.
- Trusted-AI-Defizit: Nur 26 Prozent haben eine unternehmensweite Strategie für vertrauenswürdige KI etabliert.
Warum digitale Souveränität entscheidend ist – die Schattenseite der „Convenience-IT“
Wir leben in einer Ära der „Convenience-IT“ – alles ist „as-a-Service“: Infrastruktur, Software, Plattformen, sogar Sicherheit. Diese Modelle bieten enorme Vorteile in Bezug auf Skalierbarkeit, Geschwindigkeit und Effizienz. Doch sie haben auch eine Schattenseite: strategische Abhängigkeiten, die oft erst in der Krise sichtbar werden.
Ein Unternehmen, das auf einen einzigen Cloud- oder KI-Anbieter setzt, begibt sich in genau diese Abhängigkeit, die gefährliche Konsequenzen haben kann: Technologische Monokulturen können Innovation hemmen, Kosten in die Höhe treiben und im Ernstfall den Zugang zu kritischen Systemen blockieren. Wer heute nicht plant, wie er flexibel bleibt, wird zur Geisel seiner eigenen IT-Architektur.
Geopolitische Risiken nehmen zu
Geopolitische Spannungen verschärfen technologische Abhängigkeiten. Der Wettstreit zwischen den USA, China und der EU zeigt: Wer die digitale Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert ganze Wertschöpfungsketten. Handelskonflikte oder Sanktionen können jederzeit technische Abhängigkeiten offenlegen.
Neue regulatorische Anforderungen
Regulatorische Anforderungen fordern Unternehmen, zunehmend digitale Kontrollmechanismen zu implementieren:
Digitale Marktregulierung
- Der Digital Markets Act (DMA) und der Digital Services Act (DSA) regulieren marktbeherrschende Plattformen und fördern Transparenz sowie Fairness im digitalen Raum.
KI-Governance
- Der EU AI Act definiert klare Anforderungen an den Einsatz von künstlicher Intelligenz, insbesondere bei Hochrisikoanwendungen – ein essenzieller Schritt für vertrauenswürdige KI-Systeme „Made in Europe“.
Cybersicherheit und Resilienz
- Die NIS2-Richtlinie verschärft die Anforderungen an die Cybersicherheit in kritischen Infrastrukturen und verpflichtet Unternehmen zu umfassenden Risikoanalysen und Sicherheitsstandards.
- Die DORA-Verordnung (Digital Operational Resilience Act) verpflichtet insbesondere Finanzdienstleister, die digitale Betriebsstabilität zu gewährleisten – einschließlich IT-Risikomanagement und Meldepflichten bei Vorfällen.
Diese regulatorischen Rahmenwerke machen deutlich: Digitale Souveränität wird nicht nur erwartet – sie wird gesetzlich eingefordert.
Realismus statt Idealismus
Digitale Souveränität bedeutet nicht Autarkie. Niemand erwartet, dass Unternehmen komplett auf internationale Technologien verzichten. Vielmehr geht es darum, ein Gleichgewicht zu finden: zwischen globalem Wettbewerb und lokaler Kontrolle, zwischen Effizienz und Sicherheit.
Ausblick: Zukunft gestalten statt reagieren
Die Umsetzung des Data Act im Jahr 2025 wird neue Spielregeln für den Zugang und die Nutzung von Daten bringen. Unternehmen müssen nicht nur ihre Systeme, sondern auch ihre Denkweise anpassen. Digitale Souveränität ist kein abstraktes Konzept, sondern eine konkrete Zukunftsstrategie. Sie entscheidet darüber, ob Unternehmen künftig flexibel, sicher und wettbewerbsfähig agieren können.
Starten Sie jetzt mit diesen drei Sofortmaßnahmen:
1. Abhängigkeits-Check: Dokumentieren Sie Ihre Top-10-Technologieanbieter und bewerten Sie das jeweilige Ausfallrisiko.
2. Daten-Audit: Erstellen Sie eine Übersicht, wo Ihre kritischen Geschäftsdaten gespeichert und verarbeitet werden.
3. Alternative-Scouting: Identifizieren Sie für Ihre kritischsten Systeme mindestens eine europäische oder Open-Source-Alternative.
Andreas Steffens
Director, Audit, Regulatory Advisory, Digital Process Compliance
KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
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