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      Nicht neue Währungen, sondern neue Abwicklungsmodelle prägen die Zukunft des Zahlungsverkehrs. Ein Praxisbericht von Siemens und KPMG über Echtzeit-Liquiditätssteuerung mit Blockchain-Technologie.

      Jahrelang beherrschten Kryptowährungen die Diskussion über die Zukunft des Finanzsystems. Getrieben von technologischen Innovationen und neuen Finanzideen entstand über Jahre die Erwartung eines grundlegenden Umbruchs. Doch der anfängliche Hype hat sich gelegt. Geblieben ist ein zentraler Gedanke: Werte lassen sich heute in Echtzeit, programmierbar und rund um die Uhr bewegen.

      Während viele Marktteilnehmer noch abwarten, hat Siemens Treasury beispielsweise bereits erprobt, was jenseits des Hypes funktioniert. Das Unternehmen experimentiert nicht nur mit blockchain-basierten Prozessen, sondern setzt entsprechende Ansätze inzwischen im täglichen Zahlungsverkehr ein. 

      Die zentrale Erkenntnis: Es geht nicht um neue Währungen, sondern um neue Abwicklungsmodelle. Und diese finden zunehmend ihren Weg in den Alltag von Corporate Treasurys.

      1. Vom Konzept zur Anwendung: Was heute bereits funktioniert

      Die Vielzahl an Initiativen im Zahlungsverkehr – vom Digitalen Euro über SWIFT Shared Ledger bis hin zu bankseitigen Lösungen wie Commercial Bank Money Tokens – kann verwirrend sein. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Welche dieser Entwicklungen bieten Unternehmen bereits heute einen realen Mehrwert?

      In der Praxis zeigt sich: Am wirkungsvollsten sind Ansätze, die auf bestehenden gesetzlichen Rahmen und vertrauten Geldformen aufbauen. Der pragmatischste Weg führt über reguliertes Geld in etablierten Ökosystemen. Neue Währungen oder geschlossene Insellösungen entfalten kaum Wirkung, solange Marktteilnehmer fehlen. Relevanter ist die Frage, wie sich bestehendes Buchgeld so digitalisieren lässt, dass es in Echtzeit zur Verfügung steht und direkt in Geschäftsabläufe eingebunden werden kann. An genau dieser Schnittstelle entstehen derzeit die ersten produktiven Lösungen – dort, wo Technologie und funktionierende Netzwerke zusammenkommen.

      2. Praxis statt Vision: 24/7-Liquidität über Zeitzonen hinweg

      Ein Beispiel aus der Praxis: Siemens nutzt seit 2021 blockchain-basierte Konten einer Hausbank in Europa, Asien und Nordamerika, um Liquidität in Echtzeit über Kontinente hinweg zu bewegen. Automatisierte Logiken gleichen Konten aus, führen Währungsumwandlungen durch oder stellen Mittel standortübergreifend bereit.

      Das Ergebnis: Eine Infrastruktur, die das globale Geschäft direkt unterstützt. Liquidität steht jederzeit genau dort zur Verfügung, wo sie gebraucht wird – unabhängig von Zeitzonen oder Cut-off-Zeiten. Für das Treasury bedeutet das einen Paradigmenwechsel: Statt Liquidität über Forecasts vorzuhalten, kann sie situativ und bedarfsgenau verteilt werden. Kapital wird freier einsetzbar und produktiver genutzt.

      1. Digitale Geldmarkttransaktionen in Sekunden
        Auch im Bereich digitaler Geldmarkttransaktionen zeigt sich das Potenzial: Siemens nutzte diese Infrastruktur bei der Begebung eines digitalen Commercial Papers auf der SWIAT Plattform, vollständig digital und inklusive synchroner Zahlung auf ein Siemens-Konto. Von Emission bis zum Geldeingang benötigte die Abwicklung rund 90 Sekunden, statt mehrerer Tage. Leistung und Zahlung fallen zusammen, das Settlement-Risiko verschwindet.

        Für Treasury-Teams ist das mehr als eine technische Neuerung: Es zeigt, wie kurzfristige Finanzierung künftig aussehen und wie stark dies die Logik des Liquiditätsmanagements verändern kann. Je schneller Mittel bereitstehen, desto weniger Puffer müssen vorgehalten werden.

      2. Synchronisierte Abwicklung (DvP und PvP)
        Aufbauend auf diesen Erfahrungen arbeitet Siemens an Modellen, in denen Zahlungs- und Leistungskomponenten in einem Schritt zusammenfallen – etwa Delivery-versus-Payment für digitale Wertpapiere oder Warenlieferungen sowie Payment-versus-Payment für sofortige, risikoarme Währungswechsel. Diese Modelle reduzieren Verzögerungen und Gegenparteirisiken und orientieren sich vollständig an operativen Prozessketten.

      3. Digitale Ökosysteme und der Faktor Netzwerkeffekt
        In Projekten rund um neue digitale Zahlverfahren, vom Digitalen Euro bis hin zu privatwirtschaftlichen Token- und Stablecoin-Modellen, zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Technologische Reife ist notwendig, aber nicht ausschlaggebend. Moderne Zahlungsinfrastrukturen müssen Echtzeitfähigkeit, Verfügbarkeit rund um die Uhr und programmierbare Ausführung ermöglichen. Für sich genommen führen diese Eigenschaften jedoch noch nicht zu einer breiten Adoption.

        Ein Blick auf den eCNY zeigt dies deutlich: Trotz technischer Reife und eines großen, einheitlichen Währungsraums bleibt die Nutzung bislang begrenzt. Der Grund liegt weniger in fehlenden Funktionen als darin, dass etablierte Ökosysteme wie Alipay oder WeChat Pay den Zahlungsverkehr im Alltag bereits umfassend abdecken. Ein paralleles System schafft keinen zusätzlichen Nutzen, wenn es bestehende Abläufe nicht spürbar verbessert. 

      Für Unternehmen entscheidet daher eine wirtschaftliche Abwägung: Der zusätzliche Integrationsaufwand lohnt sich nur dann, wenn neue Funktionen dort zur Verfügung stehen, wo sie auch breit genutzt werden können. Erst das Zusammenspiel von Technologie und Reichweite schafft spürbare Vorteile – etwa durch schnellere Abwicklung, geringere Risiken oder eine effizientere Nutzung von Liquidität. Dann entwickelt sich Akzeptanz und damit die Grundlage für einen tragfähigen Netzwerkeffekt.

      3. Was diese Beispiele zeigen – die Bausteine hinter Automatisierung

      Die bisherigen Erfahrungen verdeutlichen, dass der Fortschritt nicht primär von einer Technologie abhängt, sondern von der Art, wie Finanzprozesse gestaltet werden können. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel aus drei Elementen – unabhängig davon, ob die Umsetzung über Instant Payments, tokenisierte Einlagen oder Blockchain erfolgt.

      1. Geld – und die Zahlungsinfrastruktur, über die es bewegt wird
        Moderne Anwendungsfälle benötigen verlässliche Zahlungswege. Ein Beispiel sind Commercial Bank Money Tokens (CBMT): Sie repräsentieren reguläre Sichteinlagen, werden jedoch digital so abgebildet, dass sie in Echtzeit übertragen und programmierbar genutzt werden können. Der rechtliche Charakter des Geldes bleibt unverändert – inklusive Schutzmechanismen, Bilanzierungsregeln und Finalität im Kernbanksystem.
      2. Programmierbare Logik – klare Regeln statt nachgelagerter Abläufe
        Automatisierung entsteht durch Regeln, die festlegen, wann eine Zahlung ausgelöst wird. Ob als Regelwerk via API oder als Programmierlogik im Treasury-System beziehungsweise auf einer anderen digitalen Plattform: Entscheidend ist die Klarheit der Bedingungen. Sind sie präzise definiert, lässt sich die Logik unabhängig von der technischen Infrastruktur ausführen.
      3. Verlässliche Daten – die Grundlage jeder Automatisierung
        Der Zeitpunkt einer Zahlung wird meist durch eindeutige operative Daten definiert – etwa die bestätigte Ankunft einer Lieferung, ein gemessener Serviceverbrauch oder ein digitaler Produktionsfortschritt. Nur wenn diese Informationen strukturiert, zeitnah und vertrauenswürdig vorliegen, lassen sich Finanzprozesse auf deren Grundlage sicher automatisieren. Daten werden damit zur Voraussetzung für eventbasierte Abläufe über Unternehmensgrenzen hinweg.

      Fazit: Vom Hype zur belastbaren Realität

      Die Erfahrungen zeigen: Für die Weiterentwicklung des Zahlungsverkehrs braucht es keine neuen Währungen und keine radikalen Technologiebrüche. Entscheidend ist, dass reguliertes Geld digital nutzbar wird, klare Regeln definiert sind und verlässliche Daten vorliegen. Kommen diese Elemente zusammen, entsteht Automatisierung fast von selbst - unabhängig davon, ob die Zahlung über Instant Payments, tokenisierte Einlagen oder eine Blockchain ausgeführt wird.

      Damit verschiebt sich der Fokus weg von der Technologie und zurück auf den Geschäftsnutzen: schnellere Prozesse, geringere Risiken, minimierter manueller Aufwand und Finanzabläufe, die sich am tatsächlichen Geschäftsverlauf orientieren. Unternehmen und Banken müssen dafür nicht auf zukünftige Standards warten. Sie können bereits heute starten und den Weg schrittweise von der Vision zur belastbaren Realität gehen.

      Zuerst erschienen im Private Banking Magazin 

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      Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 165, Mai 2026

      Autoren:

      • Sascha Uhlmann, Senior Manager, Finance and Treasury Management, Corporate Treasury Advisory, KPMG AG
      • Marc Pussar, Rechtsanwalt und Partner KPMG Law

      Gastautor:
      Heiko Nix, Global Head of Cash Management and Payments, Siemens


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