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      Die Regulierung der europäischen Commodity-Derivatemärkte befindet sich in einer Phase grundlegender Weiterentwicklung. Ein wichtiger Impuls ergibt sich aus der im Februar 2025 gestarteten Konsultation1 der Europäischen Kommission zur Funktionsweise der Commodity Derivatemärkte, die unter anderem auch die Ancillary Activity Exemption (AAE) adressiert.2 Ziel ist es, die Resilienz und Transparenz der Märkte zu stärken und mögliche Anpassungen des regulatorischen Rahmens vorzubereiten.

      Die AAE erlaubt es nicht finanziellen Unternehmen, insbesondere Energieversorgern und rohstoffintensiven Industriekonzernen, Commodity Derivatehandel ohne eine entsprechende MiFID Lizenz (Erlaubnis nach § 32 KWG) zu betreiben, sofern diese Aktivitäten lediglich eine untergeordnete Rolle im Verhältnis zum Kerngeschäft einnehmen. Genau diese Voraussetzung gerät jedoch zunehmend unter Druck – weniger durch eine einzelne regulatorische Maßnahme, sondern durch das Zusammenspiel von Marktveränderungen und regulatorischer Weiterentwicklung.

      Hintergrund: Eine Ausnahme mit klarer Systemlogik

      Die AAE basiert auf dem Grundprinzip, dass der Commodity Derivatehandel bei nicht finanziellen Unternehmen primär der Absicherung operativer Risiken dient. Solange diese Aktivitäten funktional als Nebenaktivität einzuordnen sind, erscheint eine Gleichbehandlung mit regulierten Finanzinstituten nicht sachgerecht.

      Zur Operationalisierung dieser Logik wurden in der Delegierten Verordnung (EU) 2021/1833 quantitative Tests etabliert: der De minimis Test, der Trading Test sowie der Capital Employed Test. Diese knüpfen jeweils an unterschiedliche Dimensionen der Handelstätigkeit an, nämlich das absolute Derivatevolumen, die relative Bedeutung der Handelsaktivitäten im Verhältnis zur Gesamtgeschäftstätigkeit sowie den kapitalmäßigen Einsatz im Trading. Diese sollen sicherstellen, dass Handelsaktivitäten relativ zum Gesamtgeschäft eine untergeordnete Rolle spielen.3

      Während diese Systematik auf einem stabilen Geschäftsmodell basiert, zeigen sich in der Praxis zunehmend Spannungen – insbesondere vor dem Hintergrund sich wandelnder Marktstrukturen im Commodity Trading.

      Marktveränderungen: Der Wandel von Hedging zu Optimierung

      Die zunehmende Volatilität in Energie- und Rohstoffmärkten hat die Rolle des Tradings grundlegend verändert. Während traditionell die Absicherung physischer Risiken im Fokus stand, gewinnt heute die aktive Optimierung von Handelspositionen an Bedeutung. Hierzu zählen etwa kurzfristige Arbitragegeschäfte, Portfoliosteuerung oder der Einsatz flexibler Assets.

      Diese Entwicklung führt dazu, dass Trading Aktivitäten zunehmend als eigenständiger Werttreiber fungieren und sich funktional vom operativen Kerngeschäft lösen. Damit gerät die zentrale Annahme der AAE – Trading als Nebenaktivität – zunehmend unter Druck.

      Typische Trigger für den Verlust der AAE

      Die entscheidende Fragestellung für Unternehmen liegt weniger in der abstrakten regulatorischen Entwicklung, sondern in der konkreten eigenen Betroffenheit. In der Praxis lassen sich mehrere typische Faktoren identifizieren, die dazu führen können, dass die Voraussetzungen für die AAE nicht mehr erfüllt sind.

      Ein wesentlicher Trigger ist das Wachstum des Handelsvolumens. Steigt das Notional Exposure über relevante Schwellen oder gewinnt Trading im Verhältnis zum Gesamtgeschäft an Gewicht, können die quantitativen Tests nicht mehr erfüllt werden.

      Darüber hinaus gewinnt die qualitative Einordnung der Aktivitäten an Bedeutung. Sobald Trading nicht mehr primär der Absicherung dient, sondern gezielt zur Ergebnisgenerierung eingesetzt wird, kann die Einordnung als „ancillary“ in Frage gestellt werden.

      Auch organisatorische Faktoren spielen eine Rolle. Eigenständige Trading Einheiten mit eigener Ergebnisverantwortung und separaten Steuerungsmechanismen können regulatorisch als Indiz für ein eigenständiges Handelsgeschäft gewertet werden.

      Schließlich tragen auch komplexere Produktstrukturen dazu bei, dass der Bezug zum physischen Geschäft weniger klar nachvollziehbar ist, was die Argumentation im Rahmen der AAE zusätzlich erschwert.

      Diese Faktoren wirken in der Praxis häufig nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig. Gerade diese schleichende Entwicklung erhöht das Risiko, dass Unternehmen unbeabsichtigt aus dem Anwendungsbereich der AAE herausfallen.

      Die Anwendung der AAE erfolgt dabei auf Basis einer Selbstbeurteilung durch das Unternehmen, wodurch insbesondere bei schleichenden Veränderungen im Geschäftsmodell ein erhöhtes Risiko von Fehleinschätzungen entsteht.

      In diesen Fällen kann die Pflicht entstehen, eine MiFID Lizenz zu beantragen und den vollständigen regulatorischen Anforderungen für Wertpapierinstitute zu unterliegen. Dies umfasst unter anderem organisatorische Anforderungen an Governance- und Kontrollfunktionen, umfangreiche Reportingpflichten, Vorgaben zur Ausgestaltung der Handelsprozesse sowie erhöhte Anforderungen an Kapitalausstattung und Risikomanagement. In der Praxis bedeutet dies nicht nur eine regulatorische Neubewertung, sondern häufig auch eine tiefgreifende Anpassung von Prozessen, Systemen und Organisationsstrukturen.

      Regulierung im Energiesektor: REMIT II als zusätzlicher Treiber

      Neben der dargestellten Entwicklung erhöht auch die REMIT-II-Reform die Anforderungen an die Branche. Der bestehende Transparenzrahmen wird erheblich ausgeweitet und vertieft.

      Während REMIT bereits umfassende Reportingpflichten für Transaktionen, Orders, Fundamentaldaten und preisrelevante Informationen vorsieht, erweitert REMIT II diese Anforderungen deutlich. Insbesondere werden zusätzliche Datenfelder eingeführt, Meldefristen verkürzt und neue Reportingkategorien geschaffen.

      Eine zentrale Neuerung ist die Einführung des Exposure Reportings, das ab 2027 zur Anwendung kommen soll. Größere Marktteilnehmer im Energiesektor sind künftig verpflichtet, nicht nur vergangene Transaktionen zu melden, sondern auch ihre zukünftigen Marktpositionen, erwartete Produktion und prognostizierten Verbrauch offenzulegen. Damit entwickelt sich die regulatorische Überwachung von einer rein historischen Betrachtung hin zu einer zunehmend vorausschauenden Analyse des Marktverhaltens.

      Diese Entwicklung verstärkt die bereits bestehenden Überschneidungen zwischen den verschiedenen Regimen. Insbesondere Energie Derivate können sowohl unter EMIR als auch unter REMIT gemeldet werden, wodurch Doppelmeldungen entstehen. REMIT II erhöht diese Komplexität zusätzlich durch eine stärkere Ausdehnung des Datenumfangs und die Einbeziehung neuer Marktsegmente.

      Accounting-Implikationen: steigende Anforderungen an Daten und Konsistenz

      Die zunehmenden regulatorischen Anforderungen führen zu einer deutlich stärkeren Verzahnung von Trading, Reporting und Accounting. Insbesondere die parallelen Reportingpflichten unter EMIR, MiFIR und REMIT bedingen, dass wirtschaftlich identische Transaktionen in unterschiedlichen Systemen nach verschiedenen Logiken erfasst werden. Dies erhöht den Abstimmungsaufwand erheblich und stellt hohe Anforderungen an Datenkonsistenz und Governance.

      Mit REMIT II verschärft sich diese Situation für Marktteilnehmer im Energiesektor weiter, unabhängig von ihrer Einordnung unter MiFID oder der Nutzung der AAE. Die erhöhte Granularität der Daten, verkürzte Meldefristen sowie zusätzliche Berichtspflichten führen dazu, dass bestehende Systemlandschaften stärker integriert und Datenprozesse konsolidiert werden müssen.

      Diese Entwicklungen wirken sich auch indirekt auf die IFRS Bilanzierung aus. Veränderungen in Derivatstrukturen und Handelsstrategien – etwa infolge regulatorischer Vorgaben – können bestehende Hedge Beziehungen beeinflussen und im Extremfall zu deren Beendigung führen, wodurch Ergebnisvolatilität entsteht. Gleichzeitig erfordern die Reportingpflichten eine enge Abstimmung mit der Fair Value Bewertung nach IFRS 13, insbesondere hinsichtlich verwendeter Inputdaten, Bewertungsannahmen und Modelllogiken.

      Insgesamt zeigt sich, dass regulatorische Anforderungen zunehmend nicht isoliert betrachtet werden können, sondern unmittelbare Auswirkungen auf Datenarchitektur, Bewertungsmodelle und die finanzielle Berichterstattung haben.

      Fazit

      Die Ancillary Activity Exemption steht nicht vor einer abrupten Abschaffung, sondern vor einer schrittweisen Verschiebung ihres Anwendungsbereichs. Diese Entwicklung wird maßgeblich durch Marktveränderungen, regulatorische Weiterentwicklung und zunehmende Anforderungen an Daten und Transparenz geprägt.

      Entscheidend für Unternehmen ist weniger die formale Existenz der AAE als vielmehr die Frage, ob die eigene Handelstätigkeit unter den veränderten Rahmenbedingungen noch als „ancillary“ qualifiziert werden kann. Insbesondere das Wachstum von Trading Aktivitäten, deren zunehmende Eigenständigkeit sowie die steigende regulatorische Transparenzanforderungen führen dazu, dass diese Abgrenzung in der Praxis immer anspruchsvoller wird.

      Gleichzeitig zeigt sich, dass die regulatorische Belastung nicht isoliert aus einzelnen Regelwerken resultiert, sondern aus deren Zusammenspiel. Die zunehmende Integration von Finanzmarkt- und Energieregulierung führt zu einem System erhöhter Komplexität, das tief in Geschäftsmodelle, Prozesse und Accounting eingreift.

      Die frühzeitige Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen ist daher entscheidend, um auch unter veränderten regulatorischen Bedingungen strategisch und operativ handlungsfähig zu bleiben.

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      Targeted consultation on the review of the functioning of commodity derivatives markets and certain aspects relating to spot energy markets 2025 - Finance
      2 Article 2 Exemptions | European Securities and Markets Authority, j
      3 COMMISSION DELEGATED REGULATION (EU) 2021/1833, of 14 July 2021 supplementing Directive 2014/65/EU of the European Parliament and of the Council by specifying the criteria for establishing when an activity is to be considered to be ancillary to the main business at group level

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      Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 166, Juni 2026

      Autoren:

      • Robert Abendroth, Partner, Finance and Treasury Management, Treasury Accounting & Commodity Trading, KPMG AG
      • Henrik Lübke, Manager, Finance and Treasury Management, Treasury Accounting & Commodity Trading, KPMG AG

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