Zurück zur Inhaltsseite

      Key Facts

      • Asiatische Hersteller setzen Europas Autoindustrie massiv unter Handlungsdruck.
      • Europäische Hersteller steigern ihr Innovationstempo und präsentieren neue Modelle.
      • Europas Marken punkten weiterhin mit Glaubwürdigkeit und Vertrauenskapital.

      Hat Europa den Anschluss in der Autoindustrie schon verloren? Diese Frage höre ich oft – und sie ist berechtigt. Denn die Dynamik, mit der asiatische Hersteller in den letzten Jahren neue Marktanteile erobert haben, hat selbst erfahrene Führungskräfte überrascht. Spätestens auf der Automesse in Shanghai 2023 wurde vielen klar, dass die europäische Autoindustrie nicht länger unangefochten an der Spitze steht. Und von der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in München habe ich aus Gesprächen mit Top-Entscheidern der Branche allerdings auch diesen Eindruck mitgenommen: Europas Autoindustrie hat aus den vergangenen Jahren gelernt und begegnet dem Druck nun mit neuem Elan.

      Ein Kontinent unter Druck

      Die Automobilhersteller in Deutschland und Europa kommen aus einer Position der Stärke. Jahrzehntelang waren drei große Profitpools – USA, China und Europa – eine sichere Basis. Doch inzwischen schmilzt dieser Vorteil dahin. Hohe Investitionen in Elektromobilität, Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle treffen auf sinkende Margen. Dazu kommen geopolitische Spannungen, eine unklare Regulierung und eine zunehmende Lokalisierung von Wertschöpfungsketten.

      Die Stimmung? Geprägt von radikaler Transformation bei gedämpftem Optimismus: 69 Prozent der deutschen Unternehmen rechnen in den kommenden drei Jahren mit einer vollständigen Transformation ihrer Geschäftsmodelle, Produkte und Prozesse. Allerdings glauben nur 15 Prozent daran, gestärkt aus den aktuellen Disruptionen hervorzugehen. Dies zeigt unsere Umfrage für den Global Automotive Executive Survey mit der Sonderauswertung für Deutschland.

      Stimmungswende in der Autoindustrie?

      Das Ergebnis unserer Studie belegt, wie ernst die Lage ist. Aber: In vielen Gesprächen, die ich mit Führungskräften aus der Branche führen konnte, habe ich gespürt: Es herrscht Aufbruchsstimmung. Herausforderungen, Aufgaben und Probleme werden endlich mit Entschlossenheit angegangen.

      Inzwischen wurden zahlreiche neue Modelle vorgestellt, darunter batteriebetriebene Fahrzeuge, die nicht mehr nur im Premiumsegment angesiedelt sind, sondern auch für breitere Käuferschichten erschwinglich werden. Das ist mehr als ein Signal: Es ist ein Beweis, dass europäische Hersteller bereit sind, schneller und mutiger zu agieren.

      Innovation statt Abwarten

      Ein häufiger Vorwurf an die europäische Autoindustrie war, sie sei zu langsam, zu zögerlich, zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Doch ich beobachte inzwischen ein anderes Bild. Unternehmen öffnen sich für Partnerschaften, holen sich digitale Expertise ins Haus und denken über die Neu-Organisation von Produktion und Lieferketten nach.

      Natürlich bleibt der Druck aus Asien gewaltig. Dort werden Fahrzeuge mit hohem Innovationsgrad zu sehr wettbewerbsfähigen Preisen auf den Markt gebracht. Aber Europa verfügt über ein Pfund, das nicht zu unterschätzen ist: Markenversprechen und Vertrauen. Ein Teil davon ist auch das große Service- und Händlernetz. Für viele chinesische Anbieter bedeutet der Aufbau ähnlicher Netzwerke hohe Investitionen, die derzeit noch gescheut werden. Über Generationen hinweg haben deutsche und europäische Hersteller ein Image aufgebaut, das sich nicht so leicht kopieren lässt.

      „Vertrauen ist Europas härteste Währung – und der entscheidende Vorteil im globalen Wettbewerb.“

      Vertrauen in der digitalen Ära

      Gerade im Übergang zur digitalen Mobilität wird dieses Vertrauen entscheidend sein. Wer ein autonomes, KI-gestütztes Fahrzeug nutzt, muss sicher sein: Das System ist zuverlässig, die Daten sind geschützt, die Marke hält, was sie verspricht. Hier haben europäische Hersteller die Chance, ihren Vorsprung im Bereich Sicherheit, Qualität und Verlässlichkeit in die Zukunft zu übertragen. Doch Vertrauen entsteht nicht durch Versprechen allein, sondern durch technologische Souveränität. Unsere internationale Befragung unter Führungskräften der Branche zeigt, dass 68 Prozent der Führungskräfte die Nutzung neuer Technologien als oberste Priorität definieren – dahinter steckt jedoch ein tieferes Anliegen: Schlüsseltechnologien wie autonomes Fahren, softwaredefinierte Fahrzeuge oder generative KI selbst zu beherrschen. Nur wer Risiken aktiv steuern und Sicherheit aus eigener Kraft gewährleisten kann, wird langfristig das Vertrauen von Kunden, Investoren und Gesellschaft aufrechterhalten können.

      Automobilhersteller unter Druck: Vertrauen wird zum wichtigsten Gut

      Bei Gesprächen mit Führungskräften ist mir aufgefallen, wie ernsthaft die Themen angegangen werden – und wie viel Energie in konkrete Lösungen fließt. Diese Mischung aus Realismus und Gestaltungswillen stimmt mich optimistisch. Für die deutsche Autoindustrie wird es kein einfaches Geradeaus geben. Aber die Geschwindigkeit, mit der Innovationen jetzt auf den Markt kommen, hat spürbar zugenommen. Die Branche in Europa ist noch längst nicht abgeschrieben – sie kämpft, und das mit guten Chancen.

      Mit Innovation, Mut und Tempo überzeugen

      Die europäische Autoindustrie steht unter massivem Druck. Doch statt in Schockstarre zu verharren, nutzt sie die Situation, um neue Kräfte freizusetzen. Die IAA in München war dafür ein eindrucksvolles Schaufenster: Mehr Innovation, mehr Mut, mehr Tempo. Ja, der Weg bleibt steinig. Aber aus meiner Sicht gilt: Europas Autoindustrie hat verstanden, worum es geht.

      Klardenker-Logo

      Dr. Andreas Ries

      Partner, Global und Deutschland Head of Automotive

      KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft


      auto_stories

      Deutsche Automobilunternehmen sehen massiven Transformationsdruck – technologische Disruption wird als große Hürde angesehen.